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Dresden – das goldene Herz Sachsens Moderator
Meine Damen und Herren, herzlich willkommen zur heuftigen Ausgabe unserer historischen Gesprächsrunde zum 18. Jahrhundert. Folgende Gäste werden uns heute Abend die Ehre erweisen: der Historiker Martin Hohmann, die Kosmetikerin Marie-Therese Dalke, der Modedesigner Franz-Peter Hessel, der Musikexperte Samuel Geisler und die Architektin Sophie Kiecke. Ich bin Ihr Moderator Tobias Bergelt. Schwerpunktthema der heutigen Sendung ist Dresden, das goldene Herz Sachsens. Historiker Ausschlaggebend für den Beginn des Großen Nordischen Krieges war ein Wahlversprechen Augusts des Starken, welches er vor seiner Wahl zum polnischen König 1697 gab. Er versprach den Polen Livland, inzwischen zu Schweden gehörig, wieder an das polnische Königreich anzugliedern. Im Frühjahr 1700 eröffnete August der Starke mit seinem Einfall in Schweden den Krieg. Moderator Aber die Schweden gaben sich keinesfalls geschlagen, oder? Historiker Nein. Unter König Karl XII. besiegten sie noch im selben Jahr die mit August verbündeten Dänen und Russen. Moderator Und was geschah mit August dem Starken? Historiker 1702 überrannten die Schweden Sachsen und auch in den folgenden Jahren verließen die sächsischen Truppen die Schlachtfelder als Verlierer. Das bedeutete für August den Starken den Verlust des polnischen Thrones. Im Februar 1704 wurde er von der Generalkonförderation, einer Versammlung polnischer Adliger, für abgesetzt erklärt. Allerdings akzeptierte August der Starke dies erst im Frieden von Altranstädt 1706. Der schwedische König war mit seinen Truppen in Sachsen einmarschiert und so blieb August dem Starken keine Wahl. Immerhin durfte er den Königstitel behalten. Moderator War dies das Ende des sächsischen Kurfürsten als polnisches Staatsoberhaupt? Historiker Nein, keineswegs. August der Starke wurde später wieder König von Polen, nachdem die Russen 1709 die Schweden bei Poltawa besiegt und als nordische Hegemonialmacht abgelöst hatten. Livland gelangte in russischen Besitz. Moderator Übrigens, da fällt mir eine interessante Geschichte über August den Starken ein: Er soll ja bei seiner Krönung zum polnischen König, und zwar gerade beim Verlesen des katholischen Glaubensbekenntnisses, für kurze Zeit ohnmächtig geworden sein – wegen der schweren Krönungsgewänder und dem goldenen Harnisch, der allein ca. 20 Kilogramm gewogen habe. Außerdem zog sich die Zeremonie stundenlang hin. Nach einer Viertelstunde soll er aus seiner Ohnmacht wieder erwacht sein. Kosmetikerin Da hat man doch sicher eines der damals üblichen – nach heutigen Begriffen schweren, ja geradezu opulenten – Riechwässerchen benutzt, um ihn wieder aufzuwecken? Um die wegen mangelnder Hygiene schlechten Gerüche zu überdecken, wurden Blütenblätter, Myrre, Nelken und Sternanis, aber auch tierische Sekrete wie etwa vom Moschushirsch oder Ambra in alkoholischen Auszügen destilliert. Waschen war in der adligen Gesellschaft eher unüblich … Historiker Meine Damen und Herren, das ist doch alles historisch nicht ganz exakt nachzuweisen. Höchstwahrscheinlich ist diese Geschichte, die erstmals 1697 in Krakau in aller Munde war, eine Erfindung der protestantischen Kirche. Zweck war, der katholischen Konfession zu schaden. Moderator Was hatte denn der König des protestantischen Sachsens eigentlich mit der katholischen Religion zu tun? Historiker Ihm ging es weniger um den „wahren Glauben“, ihm ging es eher um Politik. August der Starke hatte es auf den polnischen Königsthron abgesehen. Bedingung war, dass der König dieses katholischen Landes ebenfalls Katholik sein musste. So konvertierte er eben. Allerdings galt diese Entscheidung nur für ihn persönlich, nicht für seine Untertanen. Selbst seine Frau Christiane Eberhardine blieb standhaft beim evangelischen Glauben und betrat nicht einmal polnischen Boden. Moderator Hat sich denn der starke August einfach so damit abgefunden, dass seine Frau ihm hier den Gehorsam verweigerte? Historiker Ja, irgendwie schon. Christiane Eberhardine bekam tatkräftige Unterstützung von ihrem Beichtvater und den evangelischen Landständen – außerdem war Sachsen ja immerhin das Stammland der Reformation. August der Starke stand bei seinen Untertanen im Wort, dass Sachsen evangelisch blieb, aber der Papst erhoffte sich eine Rekatholisierung des Landes. Ihm musste er auch versprechen, dass sein Sohn ebenfalls zum katholischen Glauben konvertieren würde. Kosmetikerin Das waren ja schwierige Familienverhältnisse, die Eltern mit verschiedenen Konfessionen und das Kind dazwischen. Historiker August der Starke überließ die Erziehung seines Nachfolgers in den ersten Jahren seiner Frau und vor allem seiner Mutter, die ihm ganz klar eine evangelische Erziehung angedeihen ließen. Erst 1712, im Alter von 16 Jahren, gelang es August dem Starken seinen Sohn zum Übertritt zur katholischen Religion zu bewegen. Doch blieb das noch bis 1717 geheim. Schließlich heiratete der Kurprinz 1718 die habsburgische Prinzessin Maria Josepha, die auch katholisch war. Die angestrebte Nachfolge auf dem polnischen Thron schien also möglich. Kosmetikerin Und die einfachen Bürger? Hatten die denn auch Probleme, wenn der Herrscher seine Konfession wechselte? Historiker Selbstverständlich. Durch das wachsende katholische Hofpersonal fürchtete das protestantische Dresden um seine Identität. Der Mord an einem protestantischen Geistlichen brachte das Fass zum Überlaufen. Moderator Was genau ist denn damals geschehen? Historiker Moment, Moment! Es geschah 1726. Der Diakon der Kreuzkirche hieß Hermann Jochim Hahn. Ein gewisser Franz Laubler besuchte ihn zu Hause. Laubler, ein aus Augsburg stammender Katholik, war während seiner Militärzeit in Dresden zum Protestantismus konvertiert und Hahn war sein Vermittler bzw. Protegé gewesen. Doch Laubler kam nicht als Freund, vielmehr versuchte er den überraschten Hahn mit einer Wäscheleine zu erwürgen, was ihm jedoch nicht gelang. Somit erstach er ihn rücksichtslos. Kosmetikerin Oh schrecklich, gab es einen bestimmten Grund für diesen Aussetzer Laublers? Historiker Das ist alles ziemlich unklar, aber wahrscheinlich auf den Konfessionswechsel zurückzuführen. Möglicherweise ist er damit nicht zurechtgekommen. Er hat sich dann selbst gestellt und sogar ein Geständnis abgelegt. Im Kerker soll er seine Ketten als „Jesusbande“ geküsst haben – offenbar ein Fall für den Psychologen. Moderator Welche Reaktion zeigten die Bürger nach diesem Attentat? Historiker Sie forderten einen qualvollen Tod für Laubler. Er wurde auf dem Altmarkt hingerichtet. Moderator August den Starken scheint das aber nicht weiter beeindruckt zu haben? Für den sächsischen Kurfürsten zählte offensichtlich ein Königstitel viel mehr. Denn es war doch sicherlich ein großer außenpolitischer Erfolg, König von Polen zu werden? Historiker Ja, denn dadurch konnte er seinen Machtbereich um ein Vielfaches vergrößern. Damals hatte Polen immerhin eine Fläche von ca. 1 Million km² und 8 Millionen Einwohner und Sachsen etwa 35000 km² und 1 Million Einwohner! Moderator August der Starke musste doch auch die beiden verschiedenen Kulturen repräsentieren. Designer Repräsentation ist überhaupt ein gutes Stichwort für diese Epoche, zum Beispiel in der Kleidung. Kostbare Stoffe wie Seide, Brokat, Satin und Samt wurden zu prunkvollen, mit Gold- und Silberstickereien, so genannten Posamenten, oder mit Spitzenrüschen verzierten Gewändern verarbeitet. Mit Hilfsmitteln wie dem Fischbeinkorsett, Hüftpolstern oder der Schnürbrust versuchte man, dem damaligen weiblichen Schönheitsideal näher zu kommen. Das Fischbeinkorsett bestimmte die Haltung der Frau. Die Wespentaille allerdings war erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts ein Phänomen.Bei den Männern entwickelte sich aus dem Überrock der Soldaten allmählich der „Justeaucorps“, ein bis zu den Knien reichender taillierter Rock. Dieser war oft aus teuren Stoffen und mit Knöpfen und Litzen verziert. Knöpfe waren neu in der Mode und wer die meisten hatte, zeigte, dass er Geld besaß. Moderator Ach, daher will wohl der Berliner „Knöppe“ zählen bzw. zusammenhalten, wenn er von Geld spricht. Designer Ich gebe das Geld nur aus, wo es herkommt oder wie man es nennt, ist mir schnuppe. August hatte jedenfalls genug „Knöpfe“ im Geldbeutel und auf seiner Kleidung. Doch zurück zur Mode. Unter dem Justeaucorps trug man eine Weste, die ziemlich genauso geschnitten war wie der Überrock, und so wurden die damals modischen Kniehosen fast vollständig verdeckt. Auch die Farben der Kleidung waren reglementiert, nicht jeder durfte jede Farbe tragen … vor allem was Rot betrifft. Mann zeigte auch Bein: elegante Seidenstrümpfe, z. T. mit verzierten Nähten und sogar Zwickel kennzeichneten die Männermode. Reich verzierte Absatzschuhe waren üblich. Das heißt, die Männerschuhe waren mit Bändern, Nesteln, Rosetten geradezu überladen. Allmählich setzten sich dann Schnallen als Hauptverzierung durch. Eine schwere Lockenperücke, die Allongeperücke, sollte an die Mähne des Löwen erinnern, der für die absolutistischen Herrscher Kraft und Schönheit symbolisierte. Dieser Haarersatz wog an die zwei Pfund und konnte bis zu 1000 Taler kosten. Kosmetikerin Ein Porträt Augusts des Starken von 1720, gemalt von Louis Silvestre, zeigt ihn in der Mode dieser Zeit. Das Schminken gehörte unbedingt dazu. Das Gesicht wurde möglichst dick mit weißer und roter Schminke bedeckt. Natürliches Aussehen galt den adligen Frauen als unfein. Das war nicht ganz ungefährlich, da die Substanzen bleihaltig waren. Schwarze Schönheitspflästerchen sollten die Zartheit des Teints betonen. Das Haar wurde gepudert. In einer Puderkammer wurde die feine Dame von einer Kammerzofe bestäubt. Dabei konnte man einfaches Weizenmehl oder feineres Bohnen- bzw. Stärkemehl verwenden. Die Augen schützte man mit einer Papiermaske mit Glaseinsätzen oder einfachen Papiertüten. Mit gedörrtem Eichenmoos erzielte man eine graue Färbung und ein Schuss Rosenwasser vollendete die Erscheinung. Moderator Ist das nicht alles sehr zeitaufwändig und anstrengend, gar ungesund? Kosmetikerin Was tut Frau nicht alles für die Schönheit? Wenn der Mehlpreis zu hoch war, wurde z. B. Gips als Ersatz benutzt. Die am Anfang des 18. Jahrhunderts betont schlichten Frisuren lehnten sich an denen des einfachen Volkes an. Später trug man gerne Locken, verzierte die Frisur mit farbigen Bändern oder künstlichen Blüten. Die Stirnhaare mussten aber jeden Morgen mit der Brennschere in Form gebracht werden. Designer Die Damen und Kavaliere der vornehmen Gesellschaft verkleideten sich gern zu den häufigen Festlichkeiten als Bäuerinnen und Hirten und spielten Schäferspiele in der ländlichen Idylle. Allerdings trugen die Damen dabei Reifröcke, deren Durchmesser bis zu zwei Meter betragen konnte. Moderator Das färbte dann wohl auch auf die Frisuren der Damen ab, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wieder komplizierter wurden? Kosmetikerin So einfach lässt sich das sicher nicht sagen. Aber Sie haben Recht, ab den 1760er Jahren wuchsen die Frisuren in die Höhe, wurden sogar mit Wolle unterfüttert. Perlen, Schleifen und Federn waren die Krönung des Ganzen. Haarverlängerung ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts, auch damals nutzte man Locken zum Anstecken und schließlich auch wieder Perücken. Designer Ja, wie schon erwähnt trugen auch die Männer im 18. Jahrhundert Perücken, und das durchaus nicht nur, um fehlende eigene Haarpracht zu ersetzen. Wie die Frauenperücken wurden auch diese gepudert. Kosmetikerin Wobei das aber nicht jedem gestattet war. Häufig blieb das Pudern ein Privileg des Adels. An der Hohen Karlsschule in Württemberg, an der auch Friedrich Schiller lernte, durften dies z. B. nur die Adligen und die Söhne der Offiziere tun. Designer Das einfache Volk konnte sich natürlich nicht die teuren Allongeperücken leisten. Wer modisch mithalten wollte, benutzte kleinere Perücken aus Pferde- oder Ziegenhaar, manchmal sogar welche aus Wolle. Viele ließen aber einfach ihr natürliches Haar lang wachsen. Im Laufe des Jahrhunderts änderte sich die Haarmode der Männer beträchtlich. Die Allongeperücke kam aus der Mode und wurde nur noch von eher konservativ eingestellten Personen getragen. Einige Berufsgruppen wie z. B. Richter und Advokaten hielten ebenfalls an ihr fest. Speziell Universitätsprofessoren benutzten sie noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Goethe berichtet 1765 von einer Begegnung mit dem Schriftsteller und Rektor Gottsched an der Universität Leipzig, der während einer Vorlesung solch eine total veraltete Perücke trug. Kosmetikerin Das Bürgertum entwickelte ab etwa 1730 eine größere Vielfalt in der Perückenmode. Knoten- und Zopfperücken oder auch Stutzperücken, die man durch das Anbringen verschiedener Zusätze immerhin vierfach variieren konnte, wurden getragen. Insgesamt wurden die Perücken kürzer, einfacher und damit preiswerter. Die Perückenmacher hatten viel zu tun, da z. B. auch für die Soldaten das Tragen von Perücken vorgeschrieben war. 1756 entdeckten preußische Soldaten bei der Besetzung Dresdens im Siebenjährigen Krieg in einem Zimmer 1500 Perücken. Sie gehörten alle dem Grafen Brühl, der als sächsischer Minister sicherlich viel zu repräsentieren hatte … Moderator
Ganz recht. Das gesellschaftliche Leben konnte schon ziemlich anstrengend sein. Die politischen Verhandlungen, die vielen Feste, Maskenbälle, Jagden – und überall musste man dabei sein. Architektin In der sächsischen Residenz begegnen uns tatsächlich auf Schritt und Tritt glanzvolle Bauwerke aus der Zeit des Barock, die die Macht des königlichen Bauherren zum Ausdruck bringen. Sie sollen den Betrachter überwältigen, Grenzen zwischen Wirklichkeit und Täuschung aufheben. Nicht mehr Klarheit und Ruhe wie in der Renaissance, sondern Dynamik und Lebendigkeit werden nun von den Baumeistern gestaltet: Fassaden besitzen konkave und konvexe Schwünge, ovale Grundrisse sind nicht selten, Voluten – schneckenförmige Verzierungen – und plastischer Figurenschmuck überall. Architektur, Bildhauerkunst und Stuck, Malerei, Gartengestaltung – alles verschmilzt zu einem einheitlichen Gesamtkunstwerk. Das typische Beispiel dafür ist der Dresdener Zwinger. Historiker Zeichnete August der Starke nicht auch eigenhändig Architekturskizzen? Architektin Das ist korrekt. Er engagierte aber auch junge, häufig z. T. bürgerliche Baumeister und Künstler. Diesen ließ er im Rahmen seiner Bauordnungen viele künstlerische Freiheiten. In der Bauordnung von 1720 legte man u. a. die Firsthöhe der Häuser fest und die Steinbauweise wurde vorgeschrieben. Die letzten mittelalterlichen Holzbauten wurden abgerissen. Die neuen Häuser ergaben so ein geschlossenes Bild entlang eines Straßenzuges, auch wenn das individuelle Aussehen eines Hauses gewahrt blieb und eben tatsächlich vom individuellen Können des Baumeisters abhing. Namen wie Matthäus Daniel Pöppelmann, dessen Hauptwerk der Zwinger ist, oder George Bähr, der Schöpfer der Frauenkirche, seien hier stellvertretend genannt. Zunehmend arbeiteten die Baumeister aber auch für bürgerliche Auftraggeber. Die Grundsteinlegung der vom Dresdener Stadtrat in Auftrag gegebenen Frauenkirche erlebte August der Starke 1726 noch mit. Die katholische Hofkirche jedoch ließ sein Sohn errichten. Angelehnt an die klassische Barockarchitektur entstanden viele mehrgeschossige Wohnhäuser, deren Fassaden eben etwas einfacher gestaltet wurden. Moderator Das Leben am Hof, das fast vollständig in der Öffentlichkeit stattfand, immer umgeben von einer Schar Diener oder Höflinge, die fehlende Privatsphäre – das war doch auf Dauer kaum auszuhalten, oder? Historiker Allmählich veränderte sich die Lebensweise des Adels, statt Dauerrepräsentation zog man einen intimeren und persönlicheren Lebensstil vor. Architektin Richtig, das sieht man z. B. auch in meinem Fachgebiet: Es entstanden kleinere, so genannte Lustschlösser, die eine leichte heitere Note bekamen. Eines der bekanntesten ist das Schloss Pillnitz am Dresdener Elbufer. Hier erkennt man auch fernöstliche, vor allem chinesische Einflüsse, was zu dieser Zeit sehr in Mode war. Das zeigt auch die Porzellansammlung. Moderator Diese Bauten verschlangen doch sicher Unmengen an Steuergeldern? Historiker Die Zeit des Barocks war vom Absolutismus geprägt, das heißt die alleinige Macht lag beim Monarchen. Er verkörperte den Staat und wir alle kennen doch den Spruch, der Ludwig XIV. von Frankreich zugeschrieben wird: „Der Staat bin ich.“ Soweit die Idealvorstellung. In der Praxis gab es doch einige Gegebenheiten, auf die die Herrscher Rücksicht nehmen mussten. Das galt in Sachsen vor allem in finanziellen Angelegenheiten. Eine Trennung zwischen Privathaushalt des Herrschers und Staatshaushalt im modernen Sinne gab es noch nicht. Im Rahmen der Landstände konnten die Untertanen z. B. bei der Steuerbewilligung mitbestimmen, stellten aber das ganze System nicht in Frage. Die Vertreter des Adels oder der Städte waren eher daran interessiert, ihre Privilegien zu behalten. Anlässlich der Wahl Augusts des Starken bewilligte der Landtag aber eine außerordentliche Ehrengabe von immerhin 100.000 Talern. Moderator Das ist ja wirklich eine „große“ Ehre. August der Starke und sein Sohn gaben aber ihr Geld nicht nur für politische Zwecke aus, soweit ich weiß. Wichtig war ihnen doch vor allem auch die Kunst … Musikwissenschaftler Ganz richtig. Für die Ausgestaltung der bereits erwähnten Paläste wurde an nichts gespart und europaweit die besten Künstler engagiert, und für die vielen Feste natürlich auch Musiker. Wissen Sie, der Kapellmeister Johann Adolf Hasse wurde z. B. trotz des Siebenjährigen Krieges so lange beschäftigt, wie es ging. Er hielt sich in dieser Zeit in Italien auf und wurde trotzdem weiter bezahlt. Erst mit dem verlorenen Krieg 1763 wurde Hasse schließlich entlassen. Designer Sachsen war so angeschlagen, dass sogar Exponate aus dem Grünen Gewölbe eingeschmolzen werden mussten. Es war einfach kein Geld mehr für Kunst vorhanden. Historiker Wir reden aber jetzt von Kurfürst Friedrich August II., dem Sohn Augusts des Starken? Denn dieser war doch 1733 gestorben. Musikwissenschaftler Das ist richtig, die Ausgaben für Kunst sanken dann aber nicht, weil der nachfolgende kurfürstliche und königliche Sohn genauso prachtliebend und verschwenderisch war wie sein Vorgänger. Er löste zwar die „Kleine oder Pohlnische Cammer-Musique“, eine Art Reiseorchester seines Vaters, auf, gründete dafür aber die zuvor von seinem Vater aufgelöste polnisch-königliche Kapelle mit ständigem Sitz in Warschau neu. Dort hielt er sich während des Siebenjährigen Krieges nach der sächsischen Kapitulation 1756 mehrere Jahre auf. Moderator Das Bild, das Sie hier zeichnen, ist aber sehr idyllisch? Nicht alle Sachsen werden immer zufrieden gewesen sein! Historiker Sie haben Recht, gegen Ende des 17. Jahrhunderts entwickelte sich eine philosophische Strömung, welche sich für Humanität, Gleichheit und Toleranz einsetzte. Man begann, politische Herrschaft zu hinterfragen. Diese Strömung ist heutzutage vor allem unter dem Namen Aufklärung bekannt. Sie war aber nicht nur das Thema von Philosophen, sondern auch in der Kunst, besonders in der Literatur des 18. Jahrhunderts wiederzufinden. Im damaligen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation mit seinen vielen Teilstaaten gab es recht viele, heute z. T. wieder vergessene Aufklärer. Allerdings hingen die meisten der Idee von der Fürstenerziehung an: Gebildete, mit den fortschrittlichen Ideen der Aufklärung vertraute Herrscher würden für eine Verbesserung der Gesellschaft sorgen. Und auch der einzelne Mensch könnte sich, z. B. durch Lektüre von belehrenden Texten, im Sinne der Aufklärung vervollkommnen. Moderator
Aha, da sind wir wieder bei dem bereits erwähnten Christian Fürchtegott Gellert, der heute doch hauptsächlich durch seine Fabeln bekannt ist. Und da fällt mir auch Gotthold Ephraim Lessing ein, der aus dem sächsischen Kamenz stammt. Wie Gellert schrieb er Fabeln und sicher kennen sie alle „Nathan der Weise“. Historiker Man bezeichnet Friedrich nicht umsonst als aufgeklärten Fürsten. Natürlich muss man das differenzieren. Auf der einen Seite die Abschaffung der Folter und religiöse Toleranz, auf der anderen aber stehen die Kriege, die Friedrich der Große aus persönlicher Ruhmsucht führte. Die Schlesischen Kriege ab 1740 und der sich daraus ergebende Siebenjährige Krieg von 1756 bis 1763 mit seinen schlimmen Auswirkungen auf Sachsen sind hier zu erwähnen. Architektin Die Bewegung des Volkes hin zu Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die ihren Höhepunkt in der französischen bürgerlichen Revolution fand, löste eine Renaissance des Antiken in der Architektur aus. So besann man sich auf die Zeit, in der es schon einmal Ansätze einer Volksherrschaft gab. Die klare Gliederung der Baukörper, die Ablehnung aller Schnörkel und Kurven, antike Dreiecksgiebel und tragende Säulen bestimmten den Klassizismus. Durch diesen Stil versuchte man, sich wesentlich vom verschwenderischen Stil der Fürsten abzusetzen. Ab 1769 tauchten in Frankreich Entwürfe auf, die sich in der Klarheit und Radikalität der Bauformen gegen die bisherige Architektur abgrenzten. Später bezeichnete man die entstandenen Gebäude auch als Revolutionsarchitektur. In Deutschland ist die Durchsetzung des klassischen Formenkanons in Architektur und Plastik untrennbar mit dem Namen Johann Joachim Winkelmann und dessen Antikebegeisterung verbunden. Moderator Zu allen Zeiten, in allen Stilepochen wurde in diesen Schlössern ja gelebt, geliebt und auch gefeiert. Was können Sie uns über die Musik der damaligen Zeit berichten, Herr Geisler? Musikwissenschaftler In Sachsen gibt es eine lange Musiktradition. Kirchenmusik, Chorgesang an den verschiedenen Schularten, die Collegia musica der Universitäten boten ein reiches Betätigungsfeld. Als dann August der Starke König war, spielte die Musik eine noch größere Rolle. Er mochte italienische Kunst und Musik. Deshalb engagierte er für seinen Opernbetrieb für viel Geld namhafte Musiker und Sänger aus Italien. In Dresden existierte die Große Hofkapelle, schon 1548 gegründet. Für den polnischen Hof gab es eine eigene Kapelle und für „Spezialaufgaben“ standen auch Jagdpfeifer und Hoftrompeter zur Verfügung. Sie alle hatten viel zu tun. Musik bei Gottesdiensten, die Bespielung der italienischen Oper oder die musikalische Untermalung der zahlreichen Festlichkeiten gehörten zu ihrem Tätigkeitsbereich. Besonders die Große Hofkapelle kann man schon als Orchester in unserem heutigen Sinne bezeichnen. Die Musikkultur des Dresdener Hofes strahlte europaweit aus. Musiker, Komponisten und Schauspieler unternahmen Studienreisen nach Dresden oder bewarben sich um eine Stelle. Prächtige Aufführungen gehören zu den Markenzeichen der barocken Festkultur. Friedrich der Große, seit 1740 König von Preußen, schaute sich seine Hofkapelle und Oper in Dresden ab. In Dresden wurde aber nicht nur aufgeführt, sondern auch komponiert. Ein Beispiel wäre Johann David Heinichen, ein gebürtiger Sachse, der seit 1716 Hofkapellmeister war. Moderator Können Sie bitte das „Orchester im heutigen Sinne“ etwas genauer erklären. Musikwissenschaftler Wissen Sie, die Große Hofkapelle war mit einer Vielzahl von Instrumenten ausgestattet und hatte auch ein dementsprechend überwältigendes Klangbild. Das kommt relativ nah an die Konzertorchester der heutigen Zeit heran. Außerdem hatten die Musiker für damalige Verhältnisse schon relativ moderne Instrumente. Verschiedene Arten von Streichinstrumenten, die auch heute noch in einem Orchester genutzt werden, wurden virtuos gespielt. Aber auch Blasinstrumente wie Querflöte, Oboe, Fagott oder Flöte waren vertreten. Sagt Ihnen Hackbrett-Instrument etwas? Moderator Nein, was ist das? Musikwissenschaftler Das ist ein Instrument, das zur Untermalung der Melodie im Hintergrund genutzt wurde. Sie können es auf diesem Bild betrachten. Das Hackbrett sieht einer Zitter ähnlich; es ist ein trapezförmiges Saiteninstrument, welches mit Schlägeln gespielt wird. Pro Ton können mehrere Saiten gruppiert sein – man bezeichnet das auch als mehrchörig. Moderator Sehr interessant und sehr ungewöhnlich. Nachdem wir jetzt über bzw. von Musik geredet haben, wären einige Tonbeispiele ganz nett. Musikwissenschaftler Ich habe drei Musikstücke mitgebracht, die ich Ihnen jetzt kurz anspiele. Vielleicht finden Sie heraus, welches aus dem Barock stammt. Moderator
Da sind wir ja gespannt. Kosmetikerin Das erste Stück ist es auf jeden Fall nicht. Architektin Ich würde ja auf das erste Stück tippen. Musikwissenschaftler Das ist ganz richtig. Das erste ist aus dem Barock, man erkennt es am deutlichsten an der kontinuierlichen Bassstimme, die auch Generalbass genannt wird. Moderator Diese Musik wurde dann wohl auch auf den vielen Festen gespielt, die August der Starke und seine Nachfolger feierten. Der Absolutismus, das Barockzeitalter sind ja bekannt für eine prachtvolle Hofkultur. Designer Auf jeden Fall. August der Starke als sächsischer Kurfürst und polnischer König hatte ja, wenn man so will, gleich doppelt Anlass und Gelegenheit zum Feiern und Repräsentieren. Dabei zeigte er sich in immer neuen Rollen. August trat als Alexander der Große auf, erschien als griechischer Gott oder verkleidete sich als Schäfer. Seine Feste waren aufwendig gestaltet und phantasievoll inszeniert. Kleidung und Austattung der Teilnehmer richteten sich nach dem jeweiligen Motto. Sie wurden häufig für die Feierlichkeiten neu angefertigt, und es wurde an nichts gespart. Kosmetikerin Dabei wurde Wert auf ein – wie man heute sagt – durchgestyltes Äußeres gelegt. Von Kopf bis Fuß musste alles zusammenpassen. Kleidung, Schmuck oder auch Waffen wurden aufeinander abgestimmt. Oft nahm der König ganze Kollektionen, sorgfältig in Futteralen aus Leder und Samt verstaut, mit auf Reisen. Historiker
1695 fand bei den Karnevalsfeiern ein Götteraufzug statt, zu dem August eben als Götterbote erschien, der mit seiner überwältigenden Erscheinung sogar Jupiter, den Obersten der Götter, überstrahlte. Als Schäfer feierte er 1721 die „Wirtschaft“, dabei durften dann extra ausgesuchte echte Mägde und Bauern mitspielen. Kosmetikerin Die barocke Festtafel ist dabei genauso als Gesamtkunstwerk zu sehen. Die Sitzordnung, die Speisenauswahl und die Tischdekoration – nichts war zufällig. Alles sollte die Gäste beeindrucken und das Ansehen des Gastgebers steigern. So bauten Zuckerbäcker ganze Landschaften nach, wurden große Pokale, Schüsseln und Krüge nach Plan auf den Tischen arrangiert. Sogar künstliche Springbrunnen mit parfümiertem Wasser wurden gelegentlich verwendet. Moderator Da geriet wohl das Essen zur Nebensache, wenn es soviel zu schauen gab? Kosmetikerin
Nein, nein, keine Sorge. Nicht umsonst spricht man von barocker Leibesfülle. Es wurde schon ordentlich gegessen. Die zahlreichen Diener hatten genug zu tun. Überhaupt benötigten diese Festmahle eine Menge an Personal. Es gab z. B. spezielle Tranchiermeister, die das Fleisch kleinschnitten. Und die Mundschenke mussten auch fleißig sein … Vieles, was damals aufgetragen wurde, erscheint uns heute recht exotisch. Oder möchte jemand mal Schwan probieren oder eine Lerchenpastete? Auch die Mengen sind gewöhnungsbedürftig – Essen mit mehreren Gängen waren üblich, der einzelne Gang konnte dann bis zu fünfzig verschiedene Speisen umfassen. Und danach gabs dann noch Konfekt. In Dresden wurden übrigens schon Gabeln verwendet und August der Starke war auch ein Freund von feuchten Tafeltüchern. Historiker Mit dem Tode Friedrich Augusts II. endete 1763 de facto die sächsisch-polnische Union, auch wenn der offizielle Verzicht erst 1765 erklärt wurde. Moderator
Das Erbe der sächsischen Herrscher ist vor allem in Dresden und Umgebung noch immer präsent. Insofern profitieren wir von der Sammellust und -leidenschaft und den geschickten Ankäufen der Unterhändler, denken Sie nur an die Sixtinische Madonna. Die Kurfürsten-Könige haben zudem schon damals begonnen, diese Kunstschätze auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und Standards in der Präsentation und Dokumentation zu setzen. Damit nimmt Dresden unstrittig einen vorderen Platz im internationalen Kunstgeschehen ein. Und nicht zu vergessen die Sächsische Staatskapelle … Literatur Bäumel, Jutta: Auf dem Weg zum Thron, Dresden 1997. Czok, Karl: August der Starke und Kursachsen, Leipzig 1988. Czok, Karl: August der Starke und seine Zeit, Leipzig 1997. Gross, Reiner: Geschichte Sachsens, Leipzig 2001. Hertzig, Stefan: Das Dresdner Bürgerhaus im Spätbarock 1738-1790, Dresden 2007. Klecker, Christiane (Hg.), Sachsen und Polen zwischen 1697 und 1765, Dresden 1998. Körber, Esther- Beate: Die Zeit der Aufklärung, Darmstadt 2006. Löffler, Fritz: Das alte Dresden, Leipzig 1989. Schmidt, Werner und Syndram, Dirk (Hrsg.): Unter einer Krone, Leipzig 1997. Süßenguth, Mario: Der kulinarische König. Essen und trinken wie August der Starke. München 2002. Thiel, Erika: Geschichte des Kostüms, Berlin 1980. Vötsch, Jochen: Kursachsen, das Reich und der mitteldeutsche Raum zu Beginn des 18. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 2003. Texte: Samuel Geisler, Martin Hohmann, Franz-Peter Hessel, Marie-Therese Dalke, Sophie Kiecke, Bernd Baumgärtel. Redaktion: Sophie Kiecke Fotos: Franz-Peter Hessel, Manuel Kreisig, Saskia Thümer Fotodarsteller: Tobias Bergelt (Moderator), Samuel Geisler (Musikexperte), Martin Hohmann (Historiker), Marie-Therese Dalke (Kosmetikerin), Franz-Peter Hessel (Designer), Sophie Kiecke (Architektin), Gestaltung, Programmierung: Manuel Kreisig Konzept: Angelika Fischer, Christina Seifert Betreuung: Christina Seifert Gutachter: Katja Herklotz Exkursionsorganisation und -betreuung: Bernd Baumgärtel, Barbara Dietrich, Angelika Fischer, Christina Seifert. |
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