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Eine freie Bergstadt – Freiberg und das 18. Jahrhundert Moderator
Herzlich Willkommen meine Damen und Herren und sehr verehrten Gäste zur neuen Sendung unserer „Historischen Gesprächsrunde aus der Gellertzeit“. Heute beschäftigen wir uns mit der Bergstadt Freiberg und dem Wirken des Wissenschaftlers Christlieb Ehregott Gellert. Für den mittelsten der drei Gellertbrüder aus Hainichen war Freiberg sehr bedeutsam – und er für die Bergstadt ebenso. Dazu darf ich den Historiker Martin Hohmann, die Kunsthistorikerin Aimée Findeisen, den Musikwissenschaftler Samuel Geisler und den Universitätsarchivar Erik Emrich als meine heutigen Gäste begrüßen. Historiker Um 1750 war Freiberg nach Dresden, Leipzig, Chemnitz und Görlitz die fünftgrößte Stadt Sachsens. Zu jener Zeit hatte sie ungefähr 9500 Einwohner. Sie wurde seit dem Mittelalter hauptsächlich durch den Silberbergbau geprägt, der jedoch im 17. Jahrhundert fast zum Erliegen kam. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts ging es endlich aufwärts, als bereits wieder 4.700 Bergleute im Revier arbeiteten und die Freiberger Gruben ein Silberausbringen von nahezu 6 Tonnen im Jahr erreichten. Das gelang vor allem durch eine effektivere Verwaltung, die Qualifikation der Berg- und Hüttenbeamten sowie eine verbesserte Technik. Überhaupt waren die technischen Entwicklungen sehr wichtig, da sie auch in anderen Bereichen eingesetzt werden konnten. Doch mit Beginn der Industrialisierung verlor Freiberg an wirtschaftlicher Bedeutung für das Kurfürstentum Sachsen, weil sich Chemnitz – ein Ort, der bis dahin nicht über den Kleinstadtcharakter hinweg kam – zum industriellen Zentrum Sachsens entwickelte. Moderator Weshalb war denn Freiberg so bevölkerungsstark, welche Berufe verbanden sich mit dem Bergbau? Historiker Bergbau und Montanwesen machten die Stadt für Zuwanderer interessant. Es gab ausreichend Arbeit, auch für Frauen. Der Bergmann erhielt persönliche Freiheit und einzelne Privilegien; das war nicht überall so. Neben allen mit dem Erzabbau und der Weiterverarbeitung verbundenen Tätigkeiten brauchte man Schmiede, Böttcher, Schlosser, Tischler, Töpfer, Bäcker, Fleischer, Zinngießer und Weber – kurzum alle Berufsgruppen, die für das Montanwesen und das tägliche Leben wichtig waren. Silberbergbau und Silberaufkaufmonopol sicherten dem Landesherrn erhebliche Einnahmen, so investierte er in die Repräsentation der Stadt und gewährte ihr zahlreiche Rechte. „Geht's den Leuten gut, geht's der Stadt auch gut und umgekehrt.“ Nebenbei, heute ist es im Bergbau so, dass die Länder das Bundesberggesetz mit ihren Landesbergbehörden ausführen. Moderator Die Attraktivität einer Stadt wird ja auch durch Kunst und Architektur bestimmt, oder, Frau Findeisen? Kunsthistorikerin Selbstverständlich, ähm, in Freiberg kommt dies vor allem durch reich ausgestattete, aus Stein erbaute Gebäude, die Kirchen und den Dom in der alten, noch erkennbaren Stadtstruktur sehr schön zur Geltung. Die Freiberger hatten hohe Ansprüche, sie gaben nicht jedem beliebigen Baumeister oder Bildhauer Aufträge. Zum Beispiel leitete der geachtete Ratszimmermeister Johann Gottlieb Ohndorff den Umbau der Nikolaikirche im 18. Jahrhundert. Und dennoch – auch er musste seine Kirchenrisse zunächst vom Oberlandbaumeister Johann Christoph Knöffel begutachten lassen. Für die Ausstattung der Nikolaikirche fertigte übrigens Johann Gottfried Stecher schon eine Kanzel im Rokokostil und im Jahre 1753 auch den Taufstein. Moderator Das ist ja sehr interessant! Stecher stammt doch aus dem benachbarten Hainichen, musste er seine Risse ebenfalls von Knöffel begutachten lassen? Kunsthistorikerin Das ist zu vermuten, lässt sich jedoch nicht beweisen, da entsprechende archivalische Belege dazu fehlen. Dieser Taufstein übrigens steht jetzt in der Frauenkirche in Dresden. Doch kommen wir jetzt zum Dom. Ähm, St. Marien entstand noch im 12. Jahrhundert, also bald nachdem Silber gefunden wurde. Markgraf Otto – nicht umsonst hieß er „Otto der Reiche“ – erkannte, dass der Stadtausbau für seine Landesherrschaft entscheidend sein würde. Papst Sixtus IV. wollte das Haus Ende des 15. Jahrhunderts in eine Stiftskirche, das heißt in einen Dom, erheben. Es begannen Baumaßnahmen. Doch die Kirche brannte bei einem großen Stadtbrand aus und wurde letztlich als dreischiffige Hallenkirche mit zwei Türmen neu aufgebaut. Moderator Dann handelt es sich im Grunde um eine spätgotische Fassung mit der wunderlichen Tulpenkanzel, doch am bekanntesten ist der Dom doch wegen … Kunsthistorikerin Stimmt, ähm ja, herausragende Bedeutung hat die Goldene Pforte, sie befand sich ursprünglich an einer anderen Stelle als heute und war vermutlich das Portal, das der Markgraf benutzte, wenn er am Gottesdienst teilnehmen wollte. Ähm, aber deshalb ist sie nicht berühmt, sondern weil sie das schönste romanische Figurenportal Deutschlands sein dürfte, welches um 1230 entstanden ist. Jedoch ist die Farbfassung nur noch an wenigen Stellen zu erahnen … Moderator Und was ist genau dargestellt? Kunsthistorikerin Das Tympanon zeigt die thronende Mutter Gottes mit den anbetenden Heiligen Drei Königen, einen Engel und Joseph; am Gewände stehen Statuen von alttestamentarischen Vorläufern, in den Archivolten in vier Zonen Gestalten zur Darstellung von Erlösung und Jüngstem Gericht. Ähm, übrigens gibt es in Boston und im Puschkin-Museum in Moskau Kopien davon. Historiker Ach, ich hätte da eher auf China getippt … Kunsthistorikerin (grinst) Das kann ja noch werden. Die Goldene Pforte gehört zu den Hauptwerken der deutschen Kunst im 13. Jahrhundert und ist nun vom Wetter geschützt am südlichen Seitenschiff des „neuen“ Domes zu bewundern. Die landesherrliche Bedeutung zeigt sich auch darin, dass Moritz und Heinrich der Fromme, Herzöge von Sachsen, und eine Reihe der Wettiner im Dom beigesetzt worden sind. Und dabei gibt es eine Besonderheit, Herr Geisler … Musikwissenschaftler Genau, die historischen Instrumente! Kunsthistorikerin Richtig! Einmalig, oder? Musikwissenschaftler Man fand bei der Restaurierung der Wettiner Grablege im Dom … Eine Sensation! Ich meine die musizierenden Engelsputten von 1593/94 auf dem Deckensims. Sie halten zum Teil originale Instrumente aus der Renaissance! Eigentlich war dies seit über einem Jahrhundert bekannt, selbst wenn es nun oft anders behauptet wird. Aber nun konnte man sie ausgiebig und mit modernsten Mitteln untersuchen! Es sind sogar Kopien davon angefertigt worden. Wissen Sie, Heerscharen von Musikwissenschaftlern und Instrumentenbauern rätselten jahrelang, wie die Instrumente damals geklungen haben könnten. So kamen sie der Antwort schon etwas näher. Moderator Der Dom, Herr Geisler, hat natürlich auch sonst noch Musikgeschichte geschrieben … Musikwissenschaftler Ja, noch immer finden hier Silbermannwettbewerbe statt, denn der Dom beinhaltet eine herrliche Orgel. Es ist eine der ersten des berühmten Orgelbaumeisters Johann Gottfried Silbermann. Wissen Sie, er hatte erst eine Orgel in Frauenstein, in der Nähe seines Geburtsorts, gebaut und kurz darauf gleich die Freiberger; unvorstellbar, wenn man sich das heute durch den Kopf gehen lässt. Aber Silbermann war ja auch ein wahrer Meister in seinem Metier! Moderator Und baute er danach noch viele weitere Orgeln? Musikwissenschaftler Aber natürlich. Wissen Sie, in seinem Leben schuf er um die 50 Orgeln, 4 davon allein in Freiberg, wo er dann auch bald seine Werkstatt in der Nähe des Domes hatte. Bis heute sind immer noch 31 Silbermann-Orgeln, die sich überwiegend in Sachsen befinden, erhalten geblieben. Dazu zählt beispielsweise auch die in der Dresdner Hofkirche, die wegen des Glaubensübertritts durch die sächsischen Kurfürsten in Dresden als katholische Kirche errichtet worden war. Moderator Und wie lebten im 18. Jahrhundert eigentlich die Menschen in Freiberg? Historiker Die Situation der Wohnbevölkerung war ziemlich schlecht. Hinzu kam, dass der Siebenjährige Krieg dem Bergbau in Freiberg mächtig zusetzte. Moderator In welcher Beziehung? Historiker Nun, er führte dazu, dass Freiberg kaum noch Silber fördern konnte und so an ökonomischem Einfluss verlor. Außerdem ließen Kontributionen, also die Kriegsabgaben, die Stadt zahlungsunfähig werden – das war natürlich ein Problem, mit welchem alle sächsischen Städte zu kämpfen hatten. Moderator War Freiberg selbst Schauplatz in diesem Krieg? Historiker
Nun ja, zu erwähnen wäre hier die letzte Schlacht des Siebenjährigen Krieges. Sie wurde am Rande von Freiberg im Oktober 1762 ausgetragen. Etwa 22.600 preußische Soldaten standen 31.000 gegnerischen gegenüber. Der preußische König lobte seinen Bruder Heinrich, der die Schlacht angeführt hatte, für die Siegesnachricht: „Die guten Botschaften haben mich um zwanzig Jahre verjüngt; gestern war ich sechzig, heute bin ich achtzehn Jahre alt.“ Moderator Oho, also wurde die Stadt durch den Bergbau geprägt. Aber wie stand es mit der Ausbildung und Forschung auf diesem Gebiet? Universitätsarchivar Diese Entwicklung nahm bereits im Jahre 1702 ihren Anfang. So kam es zur Gründung einer Stipendienkasse durch Kurfürst Friedrich August II. auf Anregung von Abraham von Schönberg . Moderator Eine kurze Zwischenfrage an Frau Findeisen: Sind es nicht die Schönbergs gewesen, die auch Gerichtsherren in Hainichen, der Gellert-Geburtsstadt, waren und für die dortige Kirche einen Altar gestiftet haben? Kunsthistorikerin Sie sind gut informiert. Genau, Hans Georg von Schönberg hatte den Hauptaltar von keinem Geringeren als Johann Heinrich Böhme aus Schneeberg im 17. Jahrhundert schnitzen lassen. 1906, nach Abbruch der Hainichener Kirche, wurde er in die Freiberger Annenkapelle verlegt, wo noch heute die Möglichkeit besteht, ihn zu bewundern. Moderator Zurück zu Stipendien – wofür waren sie gedacht? Universitätsarchivar Diese Stipendien unterstützten begabte Söhne von Bergleuten und Bergbeamten, denen das Geld zu einer Ausbildung fehlte, mit jährlich 300 Gulden. Damit wurde eine wichtige Voraussetzung für zukünftige Fachkräfte im Bergbau geschaffen. Moderator Aha, aber gab es überhaupt schon Bildungsstätten, die eine solche Ausbildung anboten? Universitätsarchivar Ja, im Jahre 1710 wurde die Generalschmelzadministration gegründet. Im Freiberger Hüttenwesen, welches sich noch unter staatlicher Kontrolle befand, unterrichtete man zugleich in einem Lehr- und Forschungslaboratorium in praktischer Chemie, Metallurgie sowie Probier- und Markscheidekunst. Mehr als 50 Jahre später, im Jahre 1765, stimmte der kurfürstliche Administrator Prinz Xaver der Gründung einer Bergakademie zu … Moderator Wieso nicht der Kurfürst selbst? Universitätsarchivar
Er war noch zu jung; sein Onkel Xaver regierte für ihn und stellte auch Geld für die Stipendiaten zur Verfügung – nicht nur, um Unterricht nehmen zu können, sondern auch für Studienreisen in andere Bergwerke. Moderator Bitte! Universitätsarchivar „Zum neuen Instituto zu Freyberg, / … Metallurgisch chymisches Collegium, / Für Besuch dieses Collegii erhält an- /jetzt der Commission-Rath und Ober- /hütten-Verwalter, Christlieb Ehregott Gellert, … so wohl zum Honorario, / als auch zu Anschaffung der chymischen / Gefäße, Solutionen und sämtlicher übri-//gen darzu nöthigen Materialien, exclu-/sive der Kohlen, die ihm aus dem zu Frey-/berg befindlichen Brenhauße, … zu verabfolgen sind alljährlich 200 rthaler.“ Und was soll er lehren? Genau das steht auch hier: „… besonders die Kenntniß der Sal-/ze, Metalle und Mineralien nach ihren Be-/stand-Theilen und Verhältnissen unter ei-/nander, auch deren Zusammenhang mit/ dem Schmelz- und Fabric-Wesen, nicht min-/der was aus denen Mineralien, … für Farben und andere unentbehr-/liche Producta hervorzubringen, zu zei-/gen…“ Moderator Eine umständliche Sprache damals … Christlieb Ehregott bekam also jährlich 200 Taler für seine Lehrtätigkeit, musste davon aber auch alle Gerätschaften anschaffen und erhielt nur Kohlen zum Heizen zusätzlich. Interessant ist, dass auch die Lehraufgaben detailliert definiert sind. Aber hier wird er nicht – wie später recht oft – Professor genannt? Herr Hohmann, haben Sie eine Erklärung dafür? Historiker
Die Bergakademie war so etwas wie eine nachgeordnete Einrichtung der Behörden, in der Christlieb Ehregott bereits als Kommissionsrat und Oberhüttenverwalter angestellt war. Er benötigte den Titel eines Professors darum im Grunde nicht zusätzlich, aber hatte zu seinen bisherigen Aufgaben nun noch ein Lehramt auszuüben. Vielleicht wird ihm deshalb diese Bezeichnung nicht ausdrücklich zugesprochen. Denn beispielsweise Johann Friedrich Wilhelm Charpentier, der bis dato noch kein Amt innehatte, erhielt den Professorentitel für das Mathematische Kollegium; als was hätte man ihn wohl sonst ansprechen sollen? Moderator Was genau sind hier Stufen? Historiker Mit einer Stufe oder Mineralstufe ist eine Gruppe gut kristallisierter, freistehender Mineralien gemeint. Moderator Und die Freiberger Bergakademie – war Sie eigentlich wirklich weltweit die erste? Universitätsarchivar Nein, naja fast, nur kurz zuvor war nämlich in Schemnitz – nicht zu verwechseln mit Chemnitz; Schemnitz, heute Banská Stiavnica, liegt in der Slowakei – eine ähnliche Einrichtung gegründet worden. Moderator Gellert wurde ja, wie schon gesagt, als Kommissionsrat und Oberhüttenverwalter bezeichnet – was waren denn da seine Aufgaben? Universitätsarchivar Das Oberbergamt war eine Art technische Verwaltungs- und Polizeibehörde. Es nahm die Interessen des Landesherrn als Inhaber des Bergregals wahr und setzte das geltende Bergrecht durch. Hier als Kommissionsrat angestellt, hatte Gellert die Aufsicht über die Bergwerksmaschinen, musste chemische und Schmelzprozesse prüfen sowie Landesmineralien untersuchen. Dazu übernahm er ab 1762 die Funktion des Oberhüttenverwalters. Das Oberhüttenamt war ebenfalls eine Behörde, dessen Hüttenmeister die Oberaufsicht über alle Hütten hatte. Außerdem gab es noch einen Oberhüttenreiter. Dies ist ein Hüttenbeamten, welcher die Erzbezahlung für mehrere Hüttenwerke berechnete. Die Erze wurden seit 1710 nach einem festgelegten Probierverfahren auf ihren Metallgehalt geprüft und nach festen Taxen bezahlt. Im Bergarchiv, das zu den Sächsischen Staatsarchiven gehört und eindrucksvoll im Schloss Freudenstein untergebracht wurde, befinden sich die Originalunterlagen zu den Ämtern. Moderator Schloss Freudenstein – Herr Hohmann, ein Schloss in Freiberg, und dann auch noch zur Freude? Könnten Sie das bitte ganz kurz erklären? Historiker
Gern, also grob gesagt war dieses zunächst eine Burganlage der Wettiner. Bevor Heinrich der Fromme die Regierung im albertinischen Sachsen übernahm, lebte er in Freiberg und Wolkenstein. Seine glückliche Ehe mit Katharina von Mecklenburg soll dem im Renaissancestil neu errichteten Gebäude angeblich den Namen gegeben haben: Freudenstein. Jedoch stimmt diese Vermutung wohl so nicht, da das Schloss erst ab 1566, also nach Heinrich's Tode, unter seinem Sohn August, welcher hier geboren worden war, neu gebaut wurde. Woher der Name Freudenstein kommt, ist also unklar. Heinrich der Fromme war es im Übrigen, der in Sachsen 1539 die Reformation einführte – nicht zuletzt unter dem Einfluss seiner Frau. Moderator Und als Gellert wahrscheinlich 1747 in Freiberg ankam, wie sah es da mit dem Schloss aus? Historiker Zu dieser Zeit bemühte man sich, Schloss Freudenstein als Zucht- und Waisenhaus zu nutzen, doch offenbar scheiterte das Vorhaben. Als die letzte Schlacht des Siebenjährigen Krieges ausgetragen wurde – darüber sprachen wir ja bereits –, sperrte man im Schloss zahlreiche, genauer gesagt um die 3.000 Gefangene ein. Vier Jahre später, im Jahre 1766, sollte das marode Gebäude der gerade gegründeten kurfürstlichen Bergakademie zur Verfügung gestellt werden. Aber schließlich wurde es ab 1784 zum Militär- und Bergmagazin für Korn umgebaut. Tja, und Magazine befinden sich dort heute wieder – eben die des Bergarchivs sowie eine riesige Mineraliensammlung. Das hätte Gellert sicher gefallen! Moderator Frau Findeisen, was sagen Sie denn zur Sanierung des Schlosses? Kunsthistorikerin Ähm, naja, ich finde es recht bunt, modern und funktional. Der Betongeruch ist etwas eigenartig. Moderator Das ist mir auch aufgefallen. Nun, wo wohnte Gellert überhaupt, und wie muss man ihn sich vorstellen? Ich habe gelesen, dass er Blumenliebhaber gewesen sein soll? Universitätsarchivar
Ja, das stimmt. Er besaß einen Garten auf seinem Wohngrundstück, heute Waisenhausstraße 10. Im ersten Geschoss des Gebäudes hatte er wohl einen Vortragsraum und im Hinterhof ein kleines Laboratorium eingerichtet; kann ja mal schiefgehen, so ein Experiment. Musikwissenschaftler Das sieht ja ganz so aus, als gäbe es da durchaus einige Ähnlichkeiten zu seinem jüngsten Bruder, dem Dichter. Moderator Das scheint mir auch so. Jedoch blieb sein Grab auf dem Donatsfriedhof offenbar nicht erhalten – eigentlich seltsam. Stimmt es, dass für ihn eine Bergparade als Leichenzug abgehalten wurde? Universitätsarchivar Ja, das bezeugt Gellerts hohe Stellung. Köhler wiederholte in seiner Standrede immer wieder den Satz: „Unser Gellert war ein guter Mann.“ Er hatte Waisenhäuser unterstützt und sein Pflegekind sagte des Weiteren: „Er war ein Mann, der bis in das späteste Alter eben so geneigt blieb, von andern zu lernen, als sich ihnen selbst mitzutheilen, und so seine Kenntnisse gemeinnützig zu machen.“ Wir dürfen gespannt sein, was noch alles zu Tage kommt, denn bisher sind seine wissenschaftlichen Leistungen nicht ausreichend bewertet. In den biografischen Nachrichten, die Köhler kurz nach Gellerts Tod aufschrieb, steht, so glaube ich, die Unterlagen seien noch unter Verschluss. An anderer Stelle heißt es, Köhler wäre für die Übernahme des wissenschaftlichen Nachlasses bestimmt worden. Mal sehen … Moderator Gellert war etwa zehn Jahre lang in St. Petersburg. Er soll von Michail Lomonossow die Grundlagen zum Anlegen einer mineralogischen Sammlung gelernt haben – er sammelte also selbst? Universitätsarchivar Natürlich, er benötigte das Material für seine Untersuchungen. Man kann annehmen, dass er einerseits die Sammlung der Bergakademie systematisch bereichert und andererseits eine Privatsammlung aufgebaut hat, welche im Übrigen nach seinem Tod versteigert wurde. Moderator Außerdem publizierte er einige Lehrbücher über metallurgische Chemie, die auch ins Französische, Englische und Italienische übersetzt worden sind. Worin bestand Ihrer Meinung nach seine wichtigste Leistung? Universitätsarchivar Besondere Verdienste erwarb sich Gellert im Alter von 77 Jahren. Er modifizierte die technischen Bedingungen zur Silbergewinnung und erfand die kalte Fässer-Amalgamation. Charpentier – von ihm, diesem Professor der Bergakademie hörten wir heute schon – leitete den Aufbau der Amalgamierhütte in Halsbrücke, einem kleinen Ort bei Freiberg. In nur drei Jahren wurde an der Bergakademie dieses großtechnische Verfahren zur Produktionsreife entwickelt. Bis 1857 gewannen die Hüttenwerker etwa 350 Tonnen Silber nach diesem Verfahren. Moderator Amala…Amla… (räuspert sich) – also, was bedeutet das? Universitätsarchivar
Nun, das Wort heißt soviel wie „weich“ oder, nach dem arabischen „al malagma“, „erweichende Salbe“. In der Chemie bedeutet es eine Legierung des Quecksilbers. Aus Erzen wurde in Halsbrücke mit der kalten Amalgamation Silber gewonnen. Historiker (stöhnt) Natürlich! Moderator Gibt es denn heute noch etwas in Freiberg, das an ihn, ich meine an Gellert, erinnert? Universitätsarchivar Zunächst wäre da der nach ihm benannte Gellert-Bau der TU Bergakademie zu nennen. Dieser ist heute die Fakultät für Chemie und Physik mit den Instituten für Experimentelle, für Angewandte sowie für Theoretische Physik. Das Porträt vom berühmten Maler Anton Graff schenkten die Erben der Akademie, und es gibt außerdem eine Gedenktafel am Wohnhaus in der Waisenhausstraße 10. Moderator
Meine Damen und Herren, damit sind wir auch schon wieder am Ende unserer Sendung und Sie haben sicherlich gemerkt, dass Freiberg eine in vielerlei Hinsicht reizvolle Geschichte hat. Und das wissen bestimmt auch all jene Damen aus dem Publikum, die Sabine Eberts Romanzyklus gelesen haben. Die Stadt besitzt spannende Zeitzeugnisse wie die Kirchen, den Dom mit der Annenkapelle, die Akademie, das Stadt- und Bergbaumuseum im ehemaligen Domherrenhaus und so weiter und so fort – alles lohnt eine Reise nach Mittelsachsen. Über Christlieb Ehregott können Sie sich ausführlicher hier im Gellert-Museum Hainichen informieren. Literaturhinweise Hoffmann, Yves/Richter, Uwe (Hrsg.): Herzog Heinrich der Fromme (1473–1541). Hrsg. im Auftrag des Freiberger Altertumsvereins. Beucha 2007. Hoffmann, Yves/Richter, Uwe (Hrsg.): Denkmale in Sachsen. Stadt Freiberg. Beiträge, Bd. I–III. Freiberg 2002–2004. Lieberwirth, Steffen: „Wenn Engel musizieren“, Musikinstrumente von 1594 im Freiberger Dom. 2005. Hörtipp Musica Freybergensis: „Wenn Engel musizieren“. Doppel-CD. Raumklang, MDR, November 2005. Texte: Tobias Bergelt, Aimée Findeisen, Samuel Geisler, Martin Hohmann Redaktion: Mary-Luisa Horn Fotos: Franz-Peter Hessel, Mary-Luisa Horn, Manuel Kreisig, Saskia Thümer Fotodarsteller: Tobias Bergelt (Moderator), Erik Emrich (Universitätsarchivar), Aimée Findeisen (Kunsthistorikerin), Samuel Geisler (Musikwissenschaftler), Martin Hohmann (Historiker) Gestaltung, Programmierung: Manuel Kreisig Konzept, Betreuung: Angelika Fischer Lektor: Katja Herklotz Gutachter: Yves Hoffmann, Uwe Richter Recherchen in Freiberg: Tobias Bergelt, Marie-Therese Dalke, Franz-Peter Hessel, Martin Hohmann, Sophie Kiecke, Saskia Thümer Exkursionsorganisation und -betreuung: Bernd Baumgärtel, Barbara Dietrich, Angelika Fischer, Franz-Peter Hessel, Marie-Luisa Horn. Wir danken für die Unterstützung Herrn Dr. Wolfgang Ullrich, den Mitarbeiterinnen der Universitätsbibliothek Freiberg, Herbert Kaden (Universitätsarchiv Freiberg), Dr. Ulrich Thiel (Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg). |
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