Alltägliches und Besonderes – eine sächsische Kleinstadt um 1750 Moderator
Herzlich willkommen, meine Damen und Herren zu unserer Gesprächsrunde mit Experten für Geschichte, Kunst und Musik des 18. Jahrhunderts. Wir begrüßen den Historiker Herrn Martin Hohmann, die Kunsthistorikerin Frau Aimée Findeisen sowie den Musikwissenschaftler Herrn Samuel Geisler, mein Name ist Tobias Bergelt. Historiker Ja, also die Kleinstädte entwickelten sich aus den für die Region typischen Waldhufendörfern entlang der Flüsse. Hainichen entstand als Dorf an der Kleinen Striegis etwa um 1160/70. Die Fläche des Ortes war nicht sehr groß, aber zu den eingepfarrten Gemeinden gehörten damals Berthelsdorf, Falkenau, Gersdorf, Crumbach, Cunnersdorf und Schlegel – heute Ortsteile von Hainichen. Eigenartig ist, dass das am nächsten an Hainichen grenzende Ottendorf damals nicht dazugehörte. Dennoch war der große Pfarrsprengel der Grund für die Entwicklung zum Städtchen. Die erste urkundliche Erwähnung Hainichens als Marktflecken stammt aus dem Jahr 1276. Als Stadt wird es erstmals nachweislich 1282 bezeichnet. Der Ort war später eine typische Ackerbürgerstadt, in der das Tuchmachergewerbe und die Leinenweberei über Jahrhunderte die bestimmenden Gewerke waren. Das Tuchmacherhaus, das ehemalige Innungshaus dieser Zunft, aus dem Jahre 1784 zeugt heute noch von dieser Tradition. Moderator Das Kirchenleben spielte ja damals eine bedeutende Rolle. Existieren denn von dieser Zeit noch Quellen? Man weiß doch, dass es 1832 einen großen Stadtbrand in Hainichen gegeben hat, bei dem das Rathaus vollständig zerstört worden ist. Historiker
Ja, damals gab es das „Wunder von Hainichen“: Man fand in den Trümmern des Rathauses ein Kruzifix mit einem Porzellankorpus, das unversehrt war. Darauf hat man sogar ein Gedicht verfasst. Moderator Dann müsste auch vom Vater des Dichters, der ja lange Zeit Pfarrer in Hainichen war, noch etwas erhalten sein? Historiker Ja sicher, er hat in dieser Funktion selbst die Geburtseinträge seiner Kinder aus der Ehe mit Johanna Salome verfasst. Christian Gellert stammte aus Zeitz und wurde 1695 als Diakon nach Hainichen berufen. Zehn Jahre später erhielt er die Pfarrstelle. Moderator Apropos Kinder. Ich habe hier eine Statistik, die besagt, dass Anfang des 18. Jahrhunderts in Deutschland in den ländlichen Familien im Schnitt nur 2 bis 3 Kinder überlebten. Von allen geborenen Kindern starben ca. 30 % noch im ersten Lebensjahr, bis zum sechsten Jahr noch mal 50 % – das sind doch ... Historiker Stimmt, das sind ca. 2/3 aller geborenen Kinder. Moderator Woran lag das denn? Historiker
Für die hohe Kindersterblichkeit waren vor allem die Nachwirkungen des 30-jährigen Krieges verantwortlich. Verschiedenste Krankheiten kursierten und dafür waren natürlich die Kleinsten besonders anfällig. Wenn man schon ausreichend zu essen hatte, was durchaus nicht üblich war – die Geschichte nennt außerdem etliche Jahre, in denen es damals Missernten gab – ernährte man sich im Vergleich zu heute sehr einseitig. Moderator Frau Findeisen, wie war denn das bei dem Bildhauer Johann Gottfried Stecher, der zu Gellerts Lebzeiten in Hainichen seine Werkstatt hatte und über den wir heute auch sprechen möchten? Kunsthistorikerin Bei der Familie Stecher war dies nicht besser. Johann Gottfried Stecher hatte mit seiner ersten Frau 10 Kinder, von denen 3 im Kindesalter starben. Von den 9 Kindern der zweiten Ehe starben 4 als Kleinkinder, auch wenn Stecher als „wohlangesehener Bürger und Bildhauer“ – so wird er ab 1756 in den Hainichener Kirchenbüchern bezeichnet – materiell besser dastand als viele seiner Zeitgenossen. Moderator Also bei beiden Familien war das dann etwa die Hälfte der Kinder, die zeitig starben. Lassen Sie uns später noch mal auf Stecher zurückkommen. Da wir uns hier im Sitzungssaal des 1832 nach dem großen Stadtbrand errichteten Rathauses befinden, hätte ich eine Frage zu dem Bild, welches hinter uns hängt. Was hat es damit auf sich? Historiker Sehen Sie, hier die Szenerie auf dem Bild zeigt die Rekrutierung einiger junger Sachsen, durch die Preußen im siebenjährigen Krieg, wie es in Hainichen geschehen sein soll. Auch Hainichen war von den Einquartierungen betroffen und sollte enorme Geldsummen an die Preußen zahlen. Hier erkennen Sie die Initialen der beiden verfeindeten Herrscher – das „AR“, also Augustus Rex, für König August des besiegten Sachsens und das „FR“ für König Friedrich II. von Preußen. Moderator Die sehen hager aus, oder? Was hat man denn so gegessen? Historiker Die Hauptnahrung war, wir würden heute sagen: überwiegend vegetarisch. Sie bestand aus Breien, z. B. Hirse- und Haferbrei, aus dem man auch Fladen buk, Mehl- und Gemüsesuppen, besonders Kohl und Rüben wurden verarbeitet. Ganz wichtig war Bier – als Suppe und als Dünnbier, auch Kofend genannt. Als Getränk gab man es selbst Kindern. Die Kartoffel hielt in unsere Region langsam Einzug und – nicht zu vergessen – Brot gehörte zu jeder Mahlzeit. Käse, Quark und Butter waren selten, Fleisch gab es nur an wenigen Wochen- und Festtagen. Allerdings waren die Gellerts als Pfarrersfamilie etwas besser gestellt. Wenn auch das Pfarrgut nicht sehr viel abwarf, so konnte man dennoch häufiger Fleisch, also Huhn, Kapaun, aber auch Fasan – der gehörte damals auch zum Hausgeflügel – aus dem eigenen Stall essen. Moderator Wie muss man sich ungefähr den damaligen Tagesablauf vorstellen? Historiker Nun, der Tageslauf richtete sich in einer Zeit, die keinen elektrischen Strom kannte, natürlich nach dem Lauf der Sonne. Man war im Sommer also schon sehr früh auf den Beinen, im Winter etwas später und das Tagwerk endete nur kurze Zeit nach dem Sonnenuntergang. Außerdem war der Tagesrhythmus natürlich vom Kirchgang geprägt; morgens, mittags und abends fanden Gottesdienste statt. Von der Kanzel herab bekamen die Menschen in der Predigt auch Informationen über Zeitereignisse und Instruktionen, wie man diese zu bewerten hatte. Moderator
In Hainichen gab es einen Pfarrer, der der Gemeinde vorstand und den Gottesdienst leitete, einen Diakon, dem die Verwaltung der Kirchgemeinde oblag und einen Kantor. Dieser war zuständig für die Kirchenmusik und übernahm zumeist noch das Amt des Lehrers. Historiker Ja, zu diesem heiklen Thema gibt es gerade für die Stadt Hainichen interessante Dokumente. Eine Mädchenschule gab es demnach nicht, aber Kantor Trobitzsch, der die Gellertbrüder unterrichtete, hielt sozusagen freiwillig und ohne behördliche Zustimmung auch Unterricht für die Mädchen ab. Nach etlichen Klagen über diesen Zustand wurde 1730 endlich ein Mädchenschullehrer eingestellt. Eine allgemeine Schulpflicht existierte jedoch nicht. Moderator Interessant. Später war ja auch eine von Gellerts Schwestern mit dem Hainichener Diakon verheiratet, er starb aber schon nach zwei Jahren Ehe. Der gemeinsame Sohn erhielt viel Unterstützung von seinem Onkel, Christian Fürchtegott. Ich habe gelesen, er hat ihm eine Buchbinderlehre finanziert? Historiker
Ja, als Gellert bereits in Leipzig war, hat er sich sehr um seine Schwester Johanna Wilhelmina gekümmert, ihr monatlich Geld geschickt und von Zeit zu Zeit ein Extra, zum Beispiel eine Flasche ungarischen Wein. Ihr Sohn, der Buchbinderlehrling, besaß offenbar einen guten Lehrmeister, er hat die Hainichener Tauf-, Trau- und Sterbebücher damals eingebunden. Von der Qualität profitieren wir noch heute, sie sind wunderbar erhalten. Moderator Ach, das bringt mich auf eine Frage an unseren Musikwissenschaftler: Was ist denn eigentlich während der Gottesdienste gesungen worden? Musikwissenschaftler Damals sangen die Menschen gerade sehr gefühlsbetonte Lieder. Das bedeutet, man beschrieb darin das persönliche Empfinden seiner gläubigen Seele gegenüber Gott. Moderator War das zu anderen Zeiten nicht so? Musikwissenschaftler Keineswegs. Wissen Sie, nach der Reformation beispielsweise hat man überhaupt nicht seine eigenen Gefühle ausgedrückt. Es standen damals die Lehrtexte der Bibel im Vordergrund. Gottesdienstbesucher sollten sozusagen beim Singen lernen. Moderator Sie sprachen vorhin von Gellerts Geistlichen Liedern, welcher Gruppe sind diese zuzuordnen? Musikwissenschaftler Er dichtete beide Liedarten, sowohl Lieder zum Ausdrücken von Gefühl als auch Lehrlieder. Man kann sie heute recht gut unterscheiden. Den Lehrliedern hinterlegte Gellert keine Melodie, wogegen er bei den Gefühlsliedern eine schon von anderen Liedern bekannte Melodie vorschlug. Moderator Wenn ich das richtig verstanden habe, schrieb Gellert also nur den Text für das Lied und die Melodie gab es schon vorher? Musikwissenschaftler Zum Teil. Einige Texte hat er ohne Melodievorgaben veröffentlicht. Aber im Laufe der Zeit entstanden Hunderte neue Vertonungen für seine Lieddichtungen, weil die Texte sich als gut singbar erwiesen und sich daher für Neukompositionen eigneten. Z. B. hat der Sohn von Johann Sebastian Bach, Carl Philipp Emanuel, alle Gellertlieder neu vertont, egal, ob dafür schon eine Melodie vorgesehen war oder nicht. Moderator Die Kirche gibt es nicht mehr, in der der Pfarrer Gellert predigte. Weshalb? Historiker Sie ist 1906 gesprengt worden, man hatte an anderer Stelle seit 1899 eine neue errichtet. Moderator An anderer Stelle? Wo stand denn damals die Stadtkirche? Historiker Na hinter dem Rathaus. Moderator Ach ja, das sagten Sie bereits. Und wem war sie geweiht? Historiker Oh, da sprechen Sie ein heikles Thema an. Immer wieder wird behauptet, die Kirche sei Nikolaus geweiht gewesen, aber das kann absolut ausgeschlossen werden, denn es gab schon einen Nikolaus geweihten Nebenaltar, und daher ist sicher, dass der Hauptaltar ihm nicht auch noch geweiht sein kann. Das kommt nur bei Maria manchmal vor … Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen, vermutlich war es eine Michael(is)kirche. Aber wissen Sie, die Leute haben einfach gesagt: Wir gehen in die Kirche – da war alles klar, in größeren Städten mit mehreren Kirchen musste man sich da konkreter ausdrücken. Moderator Verstehe. Nun, das Gelände, heute der Gellertplatz, sieht eigentlich nicht sehr groß aus. Wie müssen wir uns dann das Gebäude vorstellen? Historiker Wir können hingehen, wenn Sie wollen. Kunsthistorikerin Ähm, was jetzt!? Draußen liegen mindestens 30 cm Schnee, von der Kälte ganz zu schweigen. Historiker Ach, kommen Sie, daneben ist auch gleich das Anwesen, wo die Gellerts gewohnt haben. Kunsthistorikerin
Ich weiß nicht … Nun, na gut, schließlich hat ja Stecher auch für diese Kirche gearbeitet. Moderator Wir stehen jetzt hinter dem Rathaus. Tja, wie können wir uns denn die Kirche hier vorstellen? Historiker Also hier ist ein Plan, da sehen Sie, etwa hier muss der Turm gewesen sein, da vorn der Chor, es war eine dreischiffige spätgotische Hallenkirche, entstanden um 1503 und umgebaut nach dem Brand im Juli 1644. Komisch, in Hainichen brennt es offenbar immer im Juli – 1832 nämlich auch. Moderator Wie war sie ausgestattet, ich meine, wie kannte sie Gellert? Er hat ja versucht eine Predigt dort zu halten für sein früh verstorbenes Patenkindchen. Dabei hat ihn das Trauma eingeholt, schlecht etwas auswendig lernen zu können: Er hat mittendrin alles vergessen, was er sagen wollte, obwohl er lange geübt hat. Ehrlich, ich verstehe das. Aber nun, wie sah die Kirche denn aus, Frau Findeisen? Kunsthistorikerin Also vielleicht zu Beginn, ähm, der Altar. Er war ein prachtvolles Barockwerk der Schneeberger Familie Böhme. Lindenholz, ca. 8 m hoch, mit Kruzifix, 1674 aufgestellt. Ähm, den gibt es noch, er steht in der Annenkapelle am Freiberger Dom und wird dort als Winteraltar benutzt, nur das Kruzifix musste ein wenig eingekürzt werden, sonst hätte er nicht hineingepasst. Hier eine Fotografie davon. Wirklich schön – finden Sie nicht? Moderator + Historiker + Musikwissenschaftler (gleichzeitig) Doch. Doch. Doch. Kunsthistorikerin Er war eine Stiftung der Gerichtsherren von Hainichen, von der Familie Schönberg, nicht zu verwechseln mit den Schönburgs … Ähm, im Rathaus haben Sie es gesehen, das Wappen der Schönbergs, ein Löwe, oben rot und unten grün … Moderator Stimmt, was bedeutet das denn, das habe ich auch schon in Frankenberg gesehen. Kunsthistorikerin Ähm, kann gut sein, Frankenberg gehörte auch zu den Schönbergs. Das Wappen geht auf eine Legende aus der Zeit der Kreuzzüge zurück. Danach soll ein Kreuzritter aus dem Geschlecht der Schönbergs auf dem Weg ins Heilige Land von einem Löwen angefallen worden sein. Ähm, er kämpfte tapfer und die Bestie floh bald in den Morast, in welchem der Ritter sie erschlug. Reicht Ihnen das als Erklärung? Auch am Orgelprospekt war das Wappen angebracht. Moderator Also symbolisiert das Rot das Löwenblut und das Grün den Sumpf? Kunsthistorikerin Genau so, ähm, und diesen Orgelprospekt nun hat Stecher geschnitzt. Er zählt zu seinen Hauptwerken. Besonders bemerkenswert daran sind die zwei, fast als Aktfiguren dargestellten, beinahe lebensgroßen Engel, die Stechers hohe künstlerische Meisterschaft zeigen. Den Abschluss des Prospektes bildet das eben beschriebene Schönbergsche Wappen, welches von zwei Putten, ähm, das sind kleine üppige Kinderengel, gehalten wird. Musikwissenschaftler Welches Orgelwerk war es denn? Kunsthistorikerin Von Johann Georg Schön. Musikwissenschaftler Oh, gute Qualität! Er war Schüler bei Silbermann. Moderator Ja, also Frau Findeisen, jetzt erzählen Sie uns doch zunächst kurz etwas über diesen mittelsächsischen Holzbildhauer Stecher. Kunsthistorikerin Aber gern, ähm, Johann Gottfried Stecher stammte aus einer Tischlerfamilie. Sie zog, als er noch ein Kind war, nach Hainichen. Hier erlernte er dann später ebenfalls das Tischlerhandwerk. Man ist sich jedoch sicher, dass die Lehre bei seinem Vater nicht ausgereicht haben kann, um diese Qualität seiner Arbeiten zu erreichen. Er muss also noch eine weitere Lehre bei einem Bildhauer durchlaufen haben, wobei dies noch nicht wissenschaftlich belegt werden kann. Schon mit 21 Jahren war er selbstständiger Meister und bekam seine ersten Aufträge für verschiedene Kirchenausstattungen. Historiker Sagen Sie, hat Stecher nicht auch mit dem Baumeister Johann Gottlieb Ohndorff gearbeitet? Kunsthistorikerin Aber ja, zum Beispiel in Frankenberg an der Stadtkirche. Zwischen Stecher und Ohndorff bestand so eine Art Werkgemeinschaft, die allerdings nicht vertraglich festgehalten worden war. Ähm, beide versuchten, bei ihren Aufträgen den jeweils anderen mit ins Boot zu holen. Dieses Verhältnis ist aber nur für die Zeit, in der Stecher in Hainichen lebte, nachzuweisen. Nach Stechers Umzug nach Penig ist die Werkgemeinschaft sozusagen aufgelöst worden. Moderator Ich habe vor Kurzem gehört, dass der Taufstein, der in der Frauenkirche steht, auch ein Werk Stechers ist. Stimmt das wirklich? Ich meine, ein Auftrag für die Frauenkirche, dafür muss Stecher doch eine Menge Geld kassiert haben? Kunsthistorikerin
Ja, die Taufe der Frauenkirche ist tatsächlich ein Werk Stechers, doch sie stand nicht immer dort. Er hatte sie ebenso wie die Kanzel für die Freiberger Nikolaikirche entworfen und angefertigt. Während des Wiederaufbaus der im zweiten Weltkrieg zerstörten Frauenkirche entschied man sich, eine aus der Zeit George Bährs stammende Taufe zu verwenden. Und so kam Stechers Taufbecken 2005 in die Frauenkirche. Hübsch, ein Stück Hainichen – weil er sie hier geschnitzt hat – in Dresden, nicht wahr? Moderator Konnte Stecher von solchen Aufträgen leben? Kunsthistorikerin Obwohl er für seine Kirchenausstattungen ein überdurchschnittliches Entgelt erhalten hat, was als sicherer Hinweis dafür gilt, dass seine Werke von solider künstlerischer Qualität gewesen sind, ähm, hat das wohl nicht gereicht. Er hat auch kleine Tischlerarbeiten übernommen, so zum Beispiel die Tür für das Pfarrhaus, aber auch Möbel, wie Schränke, Tische, Stühle oder auch Bilderrahmen hat er angefertigt. Zeitweise beschäftigte er in seiner Werkstatt bis zu 6 Mitarbeiter, so auch seine Söhne. Das deutet darauf hin, dass es an Aufträgen nicht zu mangeln schien. Etliche Arbeiten in den Dorfkirchen von Frankenstein, Oberschöna und Seelitz stammen aus seiner Werkstatt. Historiker Ach, das Pfarrhaus können wir uns doch gleich mal ansehen. Hier steht: „1754“ gebaut. Moderator Ja, wie denn nun? Ich habe gelesen, es sei 1733/34 erbaut worden. Historiker Das Haus ist um 1733 so kaputt gewesen, da hat man es abgerissen, das Baumaterial, was man noch verwenden konnte, wieder benutzt und dieses Haus gebaut, allerdings nicht so verputzt. Das passierte eben erst 1754 – wie es auf dem Schlussstein steht Der Nachfolger von Pfarrer Gellert hat auch innen einige Umbauten vorgenommen. Das geht aus den Quellen hervor. Moderator Hm, heißt es nicht immer, Gellert sei im Hintergebäude geboren, also da? Historiker Ach (winkt ab), vielleicht eine Verlegenheitslösung, weil das originale Geburtshaus nicht mehr da war. Diese Theorie – also mit dem Hinterhaus – kam Mitte des 19. Jahrhunderts auf, so was hält sich bedauerlicherweise immer unheimlich lange … Nein, nein, die Aufschrift an der Steintafel ist ganz seriös und deckt sich mit den Quellen. Moderator Und die Sache mit der Gellertlinde, die der Pfarrer im Jahr der Geburt von Christian Fürchtegott gepflanzt haben soll, stimmt die auch nicht? Historiker Doch, sogar zwei Linden. Das schreibt Gellert in einem Brief, als er hier zu seinem 30. Geburtstag im Garten saß und von seiner Vaterstadt, den Vögeln, dem Himmel, seiner lieben Mutter schwärmte. Moderator Sehr romantisch, nun, meine Damen und Herren, und wenn ich Ihnen sage, da gibt es noch mehr zu entdecken in diesem kleinen Örtchen – ... Historiker Entschuldigung, ja genau. Da habe ich noch eine Frage an meine Kollegin. Frau Findeisen, hat man hier nicht erst vor einigen Jahren ein Wandbild gefunden, das eine Szene aus dem 18. Jahrhundert darstellt? Kunsthistorikerin Aber ja, ähm, in einem Wohngebäude in der Brüderstraße. Stellen Sie sich vor, eine Szene mit Friedrich II. als Kronprinz und einigen seines Hofstaats, wie er in Rheinsdorf eine Bootsfahrt unternimmt. Wer das Bild gemalt hat, ist bisher nicht genau zu ermitteln, vermutlich ein Porzellanmaler, der im 19. Jahrhundert in Hainichen lebte und mit den Besitzern des Hauses befreundet und verwandt war. Als Vorlage hat er ein Bild von Theobald von Oer verwendet. Historiker Oh, interessant, das muss ich mir anschauen. Geht das? Kunsthistorikerin Ja, ähm, man kann sich dort anmelden, … Moderator
Sehen Sie, meine Damen und Herren, wie ich es gesagt habe, in diesem kleinen Örtchen gibt es noch mehr zu entdecken, wie auch den Erfinder des Holzschliffs. Die „Häschenschule“ oder eine Camera obscura, ein Prinzip, das zu Gellerts Zeiten auch der Künstler Canaletto für seine Stadtansichten benutzte. Und über Gellert, seine Brüder und seine Zeit finden Sie noch viel mehr im Museum im Parkschlösschen Hainichen.
Texte: Tobias Bergelt, Aimée Findeisen, Samuel Geisler Redaktion: Marie-Therese Dalke Fotos: Franz-Peter Hessel, Mary-Luisa Horn, Manuel Kreisig, Saskia Thümer Fotodarsteller: Tobias Bergelt (Moderator), Aimée Findeisen (Kunsthistorikerin), Samuel Geisler (Musikwissenschaftler), Martin Hohmann (Historiker) Gestaltung, Programmierung: Manuel Kreisig Konzept: Angelika Fischer Betreuung: Barbara Dietrich Gutachter: Yves Hoffmann Exkursionsorganisation und -betreuung: Barbara Dietrich, Angelika Fischer, Christina Seifert. Wir danken für Unterstützung Ursula Kolb. |
|








