| Leipziger Allerlei – die Messe-, Handels- und Universitätsstadt Moderator
Willkommen zu unserer „Historischen Gesprächsrunde aus der Gellertzeit“, heute zum Thema „Leipziger Allerlei – die Messe-, Handels- und Universitätsstadt“, wobei auch das Sächsische Oberpostamt, welches hier ansässig war, im Fokus stehen wird. Uns interessiert besonders die Zeit um den Siebenjährigen Krieg, der von 1756 bis 1763 stattfand. Historiker Ja, der Krieg machte auch vor Leipzig keinen Halt. Die Stadt wurde nahezu während des gesamten Krieges von Preußen besetzt gehalten. Von großen Zerstörungen blieb das eher bürgerliche Leipzig aber verschont – lediglich die Bürgergärten wurden verwüstet – , weshalb sich die Stadt nach Beendigung des Krieges schneller erholen konnte als die zerschossene Residenz Dresden. Die herausragende Stellung als Messestadt blieb ihr auch nach Beendigung des Krieges erhalten … Moderator … entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie jetzt unterbreche. Über Leipzig als Messestadt werden wir später noch sprechen. Zunächst eine Frage an Frau Thümer: Wie sah denn Leipzig vor dem Krieg aus? Wie muss man sich das vorstellen? Dozentin Leipzig liegt an den Flüssen Pleiße, Elster und Parthe. In das Stadtinnere gelangte man durch schöne, weitläufige Gartenanlagen, über Steinbrücken und durch prachtvolle Tore. Die Gassen waren recht eng, hatten noch das mittelalterliche Erscheinungsbild. Doch die Stadt präsentierte sich für damalige Verhältnisse sehr modern. Es gab entscheidende hygienische und bauliche Neuerungen, wie Rohrwasserleitungen in zahlreiche Häuser, Laternen und Pflasterungen von Straßen … Moderator Moment! Sagten Sie da gerade Laternen? Es gab Straßenlaternen? Dozentin Ja, die Leipziger Straßenbeleuchtung gab es noch vor der in Dresden, sie war überhaupt eine der ersten. Die Straßenlaternen wurden mit Rüböl betrieben, das aus Raps- und Rübensamen gewonnen wird, und nach einem bestimmten „Brennplan“ von den Laternenwärtern angezündet und wieder gelöscht. Das erste Mal wurden sie am Abend des 24. Dezembers 1701 angezündet. Stellen sie sich das vor, am Heiligen Abend, womöglich lag Schnee, und dazu das diffuse Licht von Öllaternen ... Moderator Unglaublich, das bedeutet, dass Leipzig schon seit 300 Jahren eine Straßenbeleuchtung hat! Dozentin Genau. Aber es gab noch mehr Neuerungen. In der Stadt sah man kaum Kutschen, Personen konnten Trage-Sänften mieten. Diese Zunft der „Sesselträger“ hatte in der Alten Handelsbörse ihren Sitz. Der Transport von Waren mit Kutschen war in der Stadt untersagt, weil diese die Straßen zu stark verstopft hatten. Dafür wurden Schiebeböcke benutzt. Doch was das Stadtbild besonders prägte, waren die städtische Barockarchitektur mit mehrstöckigen Häusern der reichen Wirtschaftsbürger sowie die bereits erwähnten prachtvollen Gärten im holländischen und französischen Stil. Historiker Vielleicht kann ich an dieser Stelle die Beschreibungen des Predigers Johann Christian Müller vorlesen. Dann kann sich unser Publikum die Architektur der Bürgerhäuser besser vorstellen: „Schlechte oder Giebelhäuser, die man an andern Orten häufig findet, ward man hier gar nicht gewahr. Die meisten hatten vier oder fünf Stockwerk, waren massiv gebaut und entweder mit einem grünlichen Schwefelgelb oder mit einer anderen Farbe, auch wohl mit biblischen Historien von oben bis unten nach der Kunst in dunkelbraun mit aschgrauen Figuren bemalt. Viele hatten schöne Erker, vergoldete Verzierungen, oben Galerien und Statuen oder waren auch von unten bis oben mit Bildhauerarbeit ausgeziert. Die Fensterfluchten waren aus einem Stein gehauen, die Fenster selbst in der Vertiefung mit großen Glasscheiben in hölzernen Einfassungen eine Elle lang, wovor von oben bis unten die schönsten Blumentöpfe standen“. Moderator Frau Thümer sprach vorhin bereits von den weitläufigen Gartenanlagen. Was war denn das Besondere an diesen Gärten, Herr Hohmann? Es heißt doch immer, Gellert ging oft und gerne darinnen spazieren? Historiker Die Gärten waren tatsächlich besonders. Schauen Sie, es gab zahlreiche private Anlagen, die von den Leipzigern kostenfrei oder für einen geringen Eintritt benutzt werden konnten. So zum Beispiel der riesige Bosische Garten oder auch der Reudnitzer Kuchengarten, der etwa 100 Jahre später durch die Bäckerei Händel und die „Leipziger Lerchen“ bekannt wurde. Moderator Weil Sie das gerade erwähnen, woher kommt denn diese Bezeichnung für das Gebäck eigentlich? Historiker
Die Vögel waren im 17. und 18. Jahrhundert eine Delikatesse. Sie wurden gebraten, mit einem Faden zurechtgebunden, das hieß auch: dressiert, mit Kräutern und Eiern gebacken oder als kleiner Appetitanreger gereicht. Stellen Sie sich vor, 1720 sind allein im Monat Oktober mehr als 404.000 Lerchen gefangen und sofort nach dem Fang gerupft worden. Einzeln in Papier und in Spezialkisten verpackt, traten sie oft eine lange Reise an. Die wohlhabenden Leipziger konnten davon nicht genug bekommen. Nun, bis die Tierschützer und Vogelfreunde sich dagegen wehrten und im 19. Jahrhundert ein Jagdverbot erreichten. So erinnert noch das Gebäck an die beliebte Vogelspeise. Moderator Nun, er benötigte sicherlich mehrere Stunden. Studentin Mir wäre das zu viel. Ich tippe auf eine halbe Stunde. Bei Gellerts hypochondrischem Gemüt hätte er sicher nicht länger durchgehalten. Musikwissenschaftler Ich denke, er hat zu Pferd zwei Stunden gebraucht. Dozentin Darf ich es auflösen? Historiker nickt Er benötigte eine knappe Stunde! Moderator Das kulturelle Leben Leipzigs war doch sicherlich sehr vielschichtig. Ich denke hier insbesondere an die Musik und zuerst an Bach. Unser Herr der Noten, Herr Geisler, Sie können uns doch sicherlich ein detaillierteres Bild geben? Musikwissenschaftler Selbstverständlich kann ich das. Johann Sebastian Bach ist einer der bekanntesten Komponisten überhaupt. Wissen Sie, es gibt massenhaft andere Leute, die sich Bach bei ihren Tonschöpfungen als Vorbild nahmen. Das ist auch der Grund, warum seine Werke heute nicht nur im Original, sondern auch in zahlreichen Variationen weltweit präsent sind, wie die Goldberg-Variationen zum Beispiel. Moderator Die Werke von Bach müssen die Leute im 18. Jahrhundert ja auch schon richtig gerne angehört haben. Musikwissenschaftler Nun ja, wissen Sie, gerne angehört haben sie die Leute bestimmt, vor allem in adligen und großbürgerlichen Kreisen, aber so richtig bedeutend waren sie damals gar nicht, wenn man sie mit denen von anderen zeitgenössischen Komponisten vergleicht. Denn Bach war zu Lebzeiten bis auf seine Tätigkeit als Leiter des Thomanerchores nicht sonderlich bekannt. Seine Werke bekamen erst nach dessen Tod die verdiente Anerkennung. Moderator Das hätte ich nicht gedacht. Ich weiß nur, dass er uns ein sehr umfassendes Erbe hinterlassen hat. Musikwissenschaftler Das stimmt, Bach komponierte in allen damals üblichen Musikgattungen, außer der Oper. Allein die Anzahl seiner Kantaten ist überwältigend. Leider sind uns bis heute „nur“ 200 davon überliefert. Seine noch erhaltenen Orgelwerke sind ähnlich umfangreich. Ein großer Teil seiner Werke, vor allem aus seiner frühen Schaffenszeit, gilt als verschollen. Moderator Zu welcher Zeit wirkte Bach in Leipzig? Musikwissenschaftler Bach nahm im Jahr 1723 seinen Dienst in Leipzig auf. Als Kantor und Musikdirektor war er hauptsächlich für die Musik in den vier Hauptkirchen von Leipzig zuständig. 1736 wurde er vom Kurfürsten-König zum Sächsischen Hofkomponisten ernannt. Er reiste auch recht oft nach Dresden, um dort in Kirchen, z. B. in der Frauenkirche zu spielen. Er lebte bis zu seinem Tod 1750 in Leipzig. Moderator Sie erwähnten, dass er außerdem auch Leiter des Thomanerchores war. Können Sie uns darüber noch Genaueres erzählen? Musikwissenschaftler Der Thomanerchor ist ja heute ein weltweit bekannter Knabenchor. Zu Bachs Zeiten gingen die Jungen genauso wie heutzutage auf die Thomasschule. Aber im Gegensatz zu heute war es damals eine Art Stiftsschule, wo Kinder von ärmeren Eltern hingingen, die im Normalfall auch überdurchschnittlich musikalisch begabt waren. Sie durften unentgeltlich im Internat wohnen, waren daher dazu verpflichtet, beispielsweise bei den Gottesdiensten am Sonntag als Chor zu singen. Moderator Die schlimme Phase des Dritten Schlesischen Krieges erlebte Bach ja nicht mehr, doch gerade für die Bildungseinrichtungen der Stadt – und hier insbesondere die Universität – muss es eine schwere Zeit gewesen sein. Wie muss man sich das denn vorstellen? Studentin Während des Siebenjährigen Krieges konnte der Betrieb der Universität lediglich eingeschränkt fortgesetzt werden; hinzu kommt, dass weniger Studenten immatrikuliert waren. Wenn ich mich recht erinnere, dann kamen diese aus Sachsen, Thüringen und Dänemark. Dozentin Das studentische Einzugsgebiet der Universität war in Friedenszeiten selbstverständlich viel breiter gefächert – immerhin konnten an der Universität Leipzig, die eine klassische Volluniversität war, alle Studienrichtungen gelehrt werden. Moderator Was genau bedeutet denn Volluniversität? Historiker Als Volluniversität wird diejenige Akademie bezeichnet, an der alle vier klassischen Fakultäten zu finden sind. Ich zähle sie mal der Bedeutung nach auf: Das waren die Juristische, Theologische, Medizinische sowie Philosophische Fakultät, in der die „freien Künste“ vereint waren. Eine Aufgliederung in die heutigen zehn Fakultäten erfolgte erst am Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung und der Ausdifferenzierung der (Natur-) Wissenschaften. Vielleicht exerzieren wir das einmal am Beispiel Gellerts durch: Als dieser 1734 an der Alma Mater Lipsiensis sein Studium begann, musste er sich an der Philosophischen Fakultät einschreiben. Erst nach deren Durchlaufen konnte er sich dem Studium der Theologie widmen. Den Weg durch die Philosophische Fakultät ging jeder Student zur Vorbereitung seiner weiteren Studien – und wenn sie mich fragen, sollte das heute wieder eingeführt werden. Moderator Das klingt hart! Wenn ich bedenke, dass man als Student im 18. Jahrhundert wirklich viel lernen musste, dann getraue ich mich gar nicht zu fragen, wie das studentische Alltagsleben so aussah. Wo hat der Student denn geschlafen? Studentin Zur Untermiete oder in einer WG. Moderator Sie scherzen?! Studentin Nein, genau genommen scherze ich nicht. Die WGs trugen einen anderen Namen – Bursen. Gemeinsam den Lebensunterhalt zu bestreiten, hat damals wie heute Geld gespart. Heute gibt es beispielsweise in der Leipziger Innenstadt eine moderne Passage, die den Namen „Strohsack“ trägt. Doch wie kam sie zu diesem merkwürdigen Namen? Ein Vorgängerbau war eine Studentenburse. Die Studenten wohnten dort recht spartanisch, weshalb sie nur zum Schlafen dorthin gingen. Wenn es nachts soweit war, riefen sie dann: „So, ich gehe jetzt auf meinen Strohsack!“ Dieser Schlafplatz war oft der einzige Einrichtungsgegenstand in ihren Zimmern. Sie können sich denken, dass so lediglich die „einfachen“ Studenten lebten, adligen ging es da viel besser. Sie hatten eine eigene Wohnung, einen Hofmeister, der für sie alle wichtigen universitären Angelegenheiten arrangierte und selbstverständlich genossen sie bei den Professoren private Vorlesungen. Moderator Eine Frage beschäftigt mich schon die ganze Zeit, die möglicherweise auch das Publikum interessiert: Was machte eine Universität im Allgemeinen aus? Dozentin
Der Begriff „Universität“ stammt ursprünglich aus dem Mittelalter und ist eine Vereinfachung des Grundsatzes „universitas magistrorum et scholarium“ – die Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden. Später verstand man darunter die Gemeinschaft von Forschung und Lehre. Moderator Eine eigenständige Verwaltung beinhaltet doch auch eine eigene Rechtssprechung. Erklären sie diesen Umstand unseren Zuschauern bitte genauer! Historiker
Richtig, die Universität hatte eine eigene Gerichtsbarkeit und sogar eigene Bürger. Zur „civitas academia“, den akademischen Bürgern, gehörten alle Personen, die an der jeweiligen Universität eingeschrieben waren oder arbeiteten. Hier waren jedoch nicht nur die Professoren gemeint, sondern auch der einfache Gehilfe oder Arbeiter und deren Angehörige, d. h. die gesamte Familie. Zum Vollzug eventueller Strafen existierte sogar ein Gefängnis, der so genannte „Karzer“. Dozentin Vielleicht kann ich das am Beispiel Gellerts verdeutlichen. Als dieser 1751 vom Kurfürsten zum außerordentlichen Professor für Philosophie berufen werden sollte, musste sich zunächst die gesamte Professorenschaft der Universität schriftlich dazu äußern, Gellert erhielt eine Art Zeugnis und eine Empfehlung seitens der Universität, die dann nach Dresden geschickt wurde. Mit der Bestätigung, dass er die Stelle erhalten dürfe, trat er sie mit einem Jahresgehalt von 100 Talern an. Moderator Aha, sehr aufschlussreich. Man kann also sagen, dass die Universität als eine eigenständige Körperschaft innerhalb der Stadt existierte, die finanziell vom Kurfürstentum Sachsen getragen wurde. Historiker Grob gesagt, stimmt das. Der Philosoph und Dichter Johann Gottfried Herder beschrieb dies wie folgt: „Die Universitäten waren ein Freistaat im Staate, indem auf ihnen die Wissenschaften eine Ehre und Sicherheit fanden, die sie sonst nicht gehabt hatten“. Wenn man jedoch ins Detail geht, dann ist das nur ein Teil der Wahrheit. Die gerade angesprochenen 100 Taler Jahresgehalt waren lange nicht ausreichend, selbst bei Gellerts sparsamer Lebensweise. Die Professoren bezogen also neben ihrem Grundgehalt Kollegiengelder. Das ist der Betrag, den jeder Student bei einer Vorlesung zu entrichten hatte. Und um auf unser Eingangsthema, den Siebenjährigen Krieg, zurückzukommen: Es ist klar, dass viele der Professoren Mindereinnahmen in ihren Kollegiengeldern zu verzeichnen hatten. Schlimmer, der Kurfürst konnte zeitweise auch nicht zahlen. Gellert hatte Glück, er erhielt von Gönnern Geldgeschenke. Moderator Eine Besatzung ist für die ganze Bevölkerung schwierig, sie muss damit umgehen, dass Soldaten in ihre Wohnungen einquartiert wurden. Aber wie war das für Gellert, wo er doch als eine ängstliche und zurückhaltende Person bekannt ist? Dozentin Dazu gibt es viele Geschichten zu berichten. Die Belagerung machte ihm vor allem seelisch zu schaffen, es gab Lazarette um seine Wohnung herum. Außerdem erkrankte er in dieser Zeit selbst sehr schwer. Da Gellert beliebt war, bekam er auch von vielen preußischen Offizieren Besuch, denen er eine Vorlesung halten sollte. Im Dezember 1760 erhielt er gar vom preußischen König Friedrich II. eine Einladung zur Unterredung. Zwei Stunden dauerte das Gespräch und Gellert soll ihn um Frieden gebeten haben. Mal davon abgesehen, können Sie sich vorstellen, wie Gellert im Vorfeld zu mute war?! Moderator Nun, Gellerts Bruder, Friedrich Lebrecht, hatte als Fechtmeister der Universität Leipzig doch sicher auch seine Probleme? Dozentin In jedem Falle! Sehen Sie, die Stelle des ersten privilegierten Fechtmeisters darf nicht verkannt oder gar unterschätzt werden. Friedrich Lebrecht hatte das Amt des Fechtmeisters 1747 gemeinsam mit Gottfried Lebrecht Wolff erhalten. So durften ausschließlich diese beiden Meister Fechtunterricht erteilen. Wer, glauben Sie, konnte sich einen solchen Fechtunterricht leisten? Das waren hauptsächlich adlige Studenten. Und in Kriegszeiten sind diese natürlich nur eingeschränkt immatrikuliert. Deshalb unterhielt der älteste der Gellert-Brüder noch einen „Mittagstisch“. Hier trafen sich hauptsächlich die dänischen Studenten, die ja selbst während des Siebenjährigen Krieges in Leipzig verweilten. Die Mittagstische, eigentlich Sache der Professoren, boten eine zweite Einnahmequelle; die Organisation oblag dabei hauptsächlich der Ehefrau. Ich zitiere mal aus Luft's Tagebuch: „Denn obwohl [die Professoren] angewiesen waren, junge Kavaliere an ihre Tafel zu nehmen, begnügten sich doch die meisten Professoren damals mit Kriegsküche in der Familie. Nur der Postkommissar Gellert, des Dichters Bruder, ein in jeder Beziehung robuster Mann, der zugleich ,ein guter Fechtmeister’ war, führte noch einen viel begehrten, einschließlich von Dänen besetzten Tisch.“ Dabei gab es mehrere Speisen zur Auswahl und mehrere Gänge. Moderator Friedrich Lebrecht Gellert war im Gegensatz zu seinen beiden Brüdern verheiratet, und das gleich zweimal. Hatte er Nachkommen? Dozentin Er hatte mit seiner zweiten Frau einen Sohn, der aber schon nach einem halben Jahr verstarb. Mit seiner ersten Frau Christiane Sophie hatte er keine Kinder. Sie war die Halbschwester eines engen Freundes der Gellertbrüder, von Carl Christian Gärtner, den die Gellerts schon auf der Schule in Meißen kennenlernten. Sie wurde von allen sehr geliebt und wegen ihrer musischen Gaben geschätzt. Das Erstaunliche ist, sie war zwölf Jahre älter als Friedrich Lebrecht. Beide haben sich gegenseitige Liebesbekundungen in Gedichtform geschrieben, die sogar veröffentlicht worden sind. Als sie starb, war die ganze Familie zutiefst getroffen. Friedrich Lebrecht turtelte dann zunächst mit einer Brieffreundin seines Bruders, mit der jungen und schlagfertigen Christiane Caroline Lucius aus Dresden, heiratete dann aber Albertina Maria Henriette Wege aus Sangerhausen. Moderator Wie war denn das Verhältnis der beiden Brüder? Dozentin Die beiden waren quasi unzertrennlich. Friedrich Lebrecht galt als ein recht forscher Zeitgenosse, was auch daran zu erkennen ist, dass die privilegierte Fechtmeisterstelle auf sein Ersuchen hin für ihn eingerichtet worden ist. Seine erhaltenen Briefe zeugen von Witz, und er behauptete gern, er habe Christian Fürchtegott das Dichten gelehrt. Beide reisten oft gemeinsam in die Adelsschlösser der Leipziger Umgebung und zum Mittagstisch trafen sie sich auch, wo Friedrich Lebrecht „alberne Reden“ geschwungen haben soll … Ich zitiere nochmals aus dem Luft-Tagebuch: „Man erzählte sich, daß er dabei gern in Schlafrock und Nachtmütze erscheine, weshalb vorerst jeder Teilnehmer zu erklären habe, mit allem zufrieden sein zu wollen. Jedenfalls präsidierte der Professor Gellert der Tafel.“ Moderator Wir hörten schon, dass Friedrich Lebrecht als Postkommissar bezeichnet wurde. Wie kam es dazu? Studentin Sein forsches Verhalten wird bei seiner Bewerbung als Oberpostkommissar ebenfalls deutlich. Das Kuriose an der Geschichte ist, dass er seine Bewerbung um eine noch besetzte Stelle einreichte, mit der Begründung, der Stelleninhaber sei alt und er, Friedrich Lebrecht, würde ihn bei Weitem überleben. Ab 1762 begleitete er dann, neben zwei anderen Oberpostkommissaren, dieses Amt. Dabei kümmerte er sich um alle sächsischen Postangelegenheiten außerhalb Leipzigs, forschte verloren gegangenen Briefen nach oder vereidigte und kontrollierte die Postbediensteten. Moderator Zum Postwesen in Sachsen gibt es doch sicherlich noch viel mehr zu erzählen. Können Sie uns als angehende Wirtschafts- und Sozialhistorikerin da einen Überblick geben? Studentin Klar, das ist mein Steckenpferd ... Zunächst einmal liegen die Anfänge des sächsischen Postwesens tatsächlich in Leipzig. Schon 1595 richtete der Leipziger Rat ein Botenamt ein; natürlich wegen der Messe. Die Postmeilensäulen aber wurden im Kursachsen des 18. Jahrhunderts auf Wunsch von August dem Starken errichtet, der befahl „daß gewiße Meilenseulen gesetzet werden“. Nun ja – er beauftragte Adam Friedrich Zürner mit der Vermessung der Poststraßen und dem Anfertigen einer Postkarte. Zürner überlegte sich Folgendes: Er konstruierte einen geografischen Messwagen, da man damals ja noch nicht die modernen Mittel der heutigen Zeit hatte. Dieser Messwagen war im Endeffekt eine Kutsche mit zusätzlichem Gestänge, welches die Umdrehungen des Hinterrades auf ein Zählwerk übertrug. So konnten recht genaue Messungen vorgenommen werden. Zürner legte mit dem Wagen um die 18.000 Postmeilen zurück und seine Ergebnisse wurden ab 1721 auf steinernen Obelisken verewigt – den Postmeilensäulen. In den meisten Städten des alten Kursachsens sind solche Säulen zu finden. Moderator Da war Zürner aber ein eifriger Vermesser. Wenn man bedenkt, dass eine Postmeile damals etwa 9 km entsprach, dann legte er bei 18000 Postmeilen ca. 162000 km zurück. Das entspricht vier Erdumrundungen am Äquator! Dozentin Ich glaube, da haben Sie eine falsche Zahl im Kopf? Denn Wolfram Dolz spricht in seinem erst kürzlich erschienen Aufsatz „Postmeilensäulen als Zeugen der Landesvermessung durch Adam Friedrich Zürner“ von 8000 Meilen, was sich auch mit persönlichen Aufzeichnungen von Zürner deckt. Studentin Nun, das ist durchaus möglich und kommt sicherlich auf den betrachteten Zeitraum an. Meine Angabe zu den 18000 Meilen bezieht sich auf den Zeitraum von 1716–1733; sie stammt aus dem Buch von Karl Czok „August der Starke und Kursachsen“. Moderator Nun ja, historische Zahlenangaben sind immer etwas schwierig, ich will aber nochmals auf die aufgestellten Säulen zurückkommen. Vielleicht können Sie uns ausführlicher die Angaben darauf erklären. Studentin Interessant ist vielleicht erst einmal, dass die Städte 50 bis 70 Taler für eine Säule zahlen mussten. Ein Umstand, der nicht überall positiv aufgenommen worden ist. Die Angaben auf ihnen sind – entgegen der landläufigen Meinung – nicht in „Fahrtzeit“ der Postkutschen angegeben, sondern als Entfernungen in Wegstunden. Eine Wegstunde entspricht dabei einer halben Postmeile und somit ungefähr 4,5 km. Dozentin Vielleicht kann ich an dieser Stelle anbringen, dass mit der Landtagsresolution von 1722 die Postmeile als einheitliches Längemaß für ganz Sachsen eingeführt worden ist. Davor gab es im Kurfürstentum Sachsen die unterschiedlichsten Längenmaße. Herr Bergelt, Sie sagten vorhin ja schon richtig, eine Postmeile entsprach etwa neun Kilometern. Moderator Wenn man jetzt berechnet, dass die Postkutschen in Wegstunden gerade mal 4,5 km zurücklegten, dann lässt sich schlussfolgern, dass die Reisen doch eher langsam waren. Das ist ja Fußgängertempo! Studentin Stimmt, die Postkutschen waren aus heutiger Sicht nicht sonderlich schnell. Um das Jahr 1700 reiste man mit durchschnittlich 2 km/h, allerdings steigerte sich das mit dem Ausbau der Straßen zum Ende des 18. Jahrhunderts auf bis zu 10 km/h. Aber die Briefe hatten es nicht sonderlich eilig. Das ist ja mehr ein Attribut der Menschen. Diese konnten mit der Postkutsche reisen, wobei es als Reisemöglichkeit auch die Landkutschen gab. Für den Transfer mit der Postkutsche waren Extrazahlungen notwendig. Abgesehen von den fünf Groschen pro Postmeile kamen noch ein Groschen Trinkgeld für den Postillion je Station und zwei Groschen Schmiergeld an den Wagenmeister für das Schmieren der Achsen an jeder Station dazu. Dies war übrigens gesetzlich durch die Post- und Taxordnung vom 16. Mai 1693 geregelt. Moderator (lacht) Na, jetzt wissen wir auch woher der Ausdruck „jemanden schmieren“ kommt! Studentin
(lacht ebenfalls) Das ist gut! Um diese Ecke habe ich noch gar nicht gedacht. Moderator Damit war der Beruf des Postkutschers nicht gerade ungefährlich ... Da die Post die verschiedensten Transportdienste übernahm, ist es sehr logisch, dass sich das Oberpostamt nur in der Handels- und Messestadt befinden konnte. Der Messecharakter von Leipzig hat sich bis heute erhalten. Was bedeutete er im 18. Jahrhundert? Historiker Es gab drei Messen oder wie man damals sagte „Märkte“ in Leipzig: das waren die Oster-, Michaelis- und Neujahrsmessen. Schon um 1700 wurden die Leipziger Messen durch die Besuche Augusts des Starken im wahrsten Sinne des Wortes „stark“ aufgewertet. Der Kurfürst besuchte diese regelmäßig. Moderator Wie muss man sich das vorstellen? Kamen die Menschen wie heute, um sich Bücher oder die neuesten (Pferde-)Kutschen anzuschauen? Historiker
Das mit den Pferdekutschen ist nicht überliefert, da wäre ich vorsichtig. Sie dürfen sich eine solche Messe auch nicht als spezielle Mustermesse, wie sie in der heutigen Zeit zu finden ist, vorstellen. Vielmehr waren das Universalmessen, auf denen alle möglichen Waren ausgestellt und getauscht worden sind. Erst Phillip Erasmus Reich, der Verleger von Gellert und Sekretär der ersten deutschen Buchhandelsgesellschaft, initiierte den Kauf von Waren auf der Messe. Moderator Dieses Aufblühen Leipzigs …, also das muss doch nicht nur für die Stadt, sondern auch für die Bürger toll gewesen sein. Historiker Nun, für die Stadt schon, aber nicht für alle Bürger. Während der Messen mussten beispielsweise „nutzlose“ Menschen wie Studenten die Stadt verlassen, um den Besuchern genügend Unterkünfte bieten zu können. Die Studien- und Messezeiten waren aufeinander abgestimmt, um genügend Quartiere zu haben. Moderator Die Messen hatten also auch ihre Schattenseiten. Historiker Allerdings. Apropos Schattenseite: Vorhin sprachen wir über den Siebenjährigen Krieg. Wie die Stadt erholten sich auch die Messen wieder schnell von den Kriegen des 18. Jahrhunderts, Leipzig blühte auf und viele Besucher kamen von weit her in die Stadt. Die Kunstakademie arbeitete eifrig, und auch in der Musik gab es einen Aufschwung. Moderator Oh, da fällt mir ein, an der Thomaskirche ist eine Gedenktafel zu finden, die nur noch ein Stück des ursprünglichen Denkmals ist. Es wurde nämlich gestohlen, aber ein Porträt ist noch zu erkennen. Es erinnert an einen Komponisten namens Hiller. Wissen Sie, wer das war? Musikwissenschaftler Nun ja, ich kenne nicht alle Musiker dieser Welt und auch nicht alle Leipziger, aber von Johann Adam Hiller kann ich Ihnen immer etwas erzählen. Wissen Sie, Hiller war der erste Gewandhauskapellmeister und genauso wie Bach Kantor an der Thomaskirche. Allerdings erst ein ganzes Stück später, nämlich Ende des 18. Jahrhunderts. Zudem war Hiller Gellerts Student, der auch einige seiner Texte vertonte. „Gellerten eine Freude zu machen, schrieb ich einige Choralmelodien zu seinen geistlichen Liedern“, erinnert sich Hiller in seiner Autobiografie. Hiller hatte auf Empfehlung von Gellert eine Hofmeisterstelle bei einem der Neffen des Premierministers Brühl bekommen. Seine musikalische Karriere folgte erst später: 1770 beispielsweise wurde seine komischen Oper „Die Jagd“ nach einem Text von Christian Felix Weiße in Weimar zum Geburtstag der Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar uraufgeführt. Historiker Mir fällt da noch eine Verbindung zwischen Bach und Gellert ein: Sie waren Nachbarn! Dozentin Wie sollen wir denn das verstehen? Bach wohnte nie neben Gellert im „Schwarzen Bret“! Historiker Das nicht, dennoch waren sie gewissermaßen Nachbarn! Während ihrer Gräber-Odyssee durch Leipzig lagen die Gellertbrüder, Christian Fürchtegott und Friedrich Lebrecht, fast 50 Jahre neben Bach in der Johanniskirche. Nun ja, mein Wortspiel ist vielleicht etwas makaber, aber die Bezeichnung „Gräber-Odyssee“ kann man wortwörtlich nehmen. Die Grabstätte der Gellertbrüder, die ja im Abstand von nicht einmal einem Monat verstarben, befand sich auf dem Johannisfriedhof. Um 1900 wurden sie in einen Sarkophag umgebettet. Dieser kam in die neu errichtete, dann so genannte „Bach-Gellert-Gruft“ in besagter Johanniskirche. Moderator Und was passierte nach der Zerstörung der Johanniskirche im Zweiten Weltkrieg mit den Särgen? Historiker Bach wurde in die Thomaskirche überführt, die Gellertbrüder in die Universitätskirche. Kurz vor der aufsehenerregenden Sprengung 1968 fanden die beiden Brüder auf dem Südfriedhof ihre vorerst letzte Ruhestätte … Moderator
Eine wahre Odyssee! Historiker Ja, also ich würde Herrn Geisler, den Musikwissenschaftler, mitnehmen. Alleine schon wegen Bach! Ich liebe Bach! Die Brandenburgischen Konzerte beispielsweise oder das Weihnachtsoratorium, übrigens hier in Leipzig geschrieben: Das ist vollendete Musik, die immer noch um die Welt geht. Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn Sie mit mir eine „musikalische“ Entdeckungstour durch Leipzig machen würden. Studentin Ich denke, mit einem Historiker, wie Herrn Hohmann, ist man gut beraten, denn er kann einem wohl am besten erklären, wie man sich gegenüber den Menschen im 18. Jahrhundert verhält. Es könnte zu schlimmen Missverständnissen kommen, wenn man etwas Falsches sagt oder tut! Außerdem hat er zu vielen Dingen, die es damals noch gab oder die anders waren, eine nette Geschichte zu erzählen. Musikwissenschaftler Ich würde auf jeden Fall Herrn Hohmann mitnehmen, damit er mich vor möglichen Kriegshandlungen warnen kann. Nicht, dass ich einen Spaziergang mache und kurzerhand auf dem Schlachtfeld des Siebenjährigen Krieges lande. Dozentin Mh, schwierige Frage. Ich denke ich würde mich ebenfalls für Herrn Hohmann entscheiden. Er weiß alles über die Vorfälle dieser Zeit. Er könnte dann vor Gefahren warnen und mir noch Unbekanntes erklären.
Literaturhinweise Texte: Samuel Geisler, Martin Hohmann, Christina Seifert, Saskia Thürmer, Maria Virgils Redaktion: Sophie Kiecke Fotos: Franz-Peter Hessel, Manuel Kreisig, Saskia Thümer Fotodarsteller: Tobias Bergelt (Moderator), Samuel Geisler (Musikwissenschaftler), Martin Hohmann (Historiker), Saskia Thürmer (Dozentin der Universität Leipzig), Maria Virgils (Studentin der Wirtschafts- und Sozialgeschichte) Gestaltung, Programmierung: Manuel Kreisig Konzept: Angelika Fischer, Christina Seifert Betreuung: Christina Seifert Gutachter: Sebastian Schaar, Katja Herklotz Exkursionsorganisation und -betreuung: Bernd Baumgärtel, Barbara Dietrich, Angelika Fischer, Christina Seifert. Wir danken für Unterstützung Ursula Kolb, Sebastian Schaar und Katja Herklotz. |
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