| Meißen – ein Zentrum sächsischer Geschichte Moderator
Meine Damen und Herren, sehr verehrte Gäste ich möchte Sie recht herzlich zur heutigen Ausgabe unserer „Historischen Gesprächsrunde“ mit Saskia Thümer, Martin Hohmann und Samuel Geisler begrüßen. Ich bin Tobias Bergelt. In unserer heutigen Sendung finden wir uns im Herzen Sachsens wieder, oder sagen wir besser in einer Stadt, die einmal zu den ganz großen gehörte und es mit Sicherheit immer noch ist. Dozentin
Mensaessen; Frühkonzile, die, egal was geschieht, 5 Minuten länger dauern als geplant; Formel Dinner – hier bedienen mal die Lehrer die Schüler; Filmabende im Internat … Moderator Nun vielleicht ist einfach der Begriff Elite inzwischen negativ besetzt? Seit wann gab es denn die Fürstenschule St. Afra eigentlich, Herr Hohmann? Historiker 1543 gründete Herzog Moritz von Sachsen die fürstliche Landesschule St. Afra in Meißen. Bekanntgegeben wurde dies in der „Neuen Landesordnung“. Die Eröffnung von St. Afra soll nach der Meißner Chronik des Georg Fabricius am 3. Juli 1543 erfolgt sein, eine entsprechende Urkunde gibt es leider nicht. Jedoch wird trotz der Unsicherheit der 3. Juli als Stiftungsfesttag begangen. Schulpforta und Grimma waren dann die beiden anderen Fürstenschulen in Sachsen. Moderator Aber bevor wir uns genauer mit der Schule beschäftigen, möchte ich fragen, was denn so besonders an Meißen ist, welche Bedeutung hat der Ort für Sachsen? Historiker Auf der Internetpräsenz der Stadt Meißen bezeichnet der Oberbürgermeister die Elbstadt als „Wiege Sachsens“ und hat damit wohl nicht ganz unrecht. Immerhin ist Meißen über 1075 Jahre alt und hat somit Sachsens Geschichte von Beginn an mitgeprägt. König Heinrich I. ließ am heutigen Standort der Albrechtsburg 929 die Burg „Misina“ gründen. Seitdem spricht man auch von der Markgrafschaft Meißen – dem Vorläufer Sachsens, wenn man so will. Moderator Warum heißt die Burg dann Albrechtsburg und nicht Heinrichsburg? Historiker Seit 1464 regierten die Wettiner Brüder Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht der Beherzte gemeinsam in Sachsen, welches damals noch eine Einheit mit Thüringen bildete. 1485 teilten beide Brüder das Land unter sich auf, wodurch Meißen allerdings seinen Rang als „Hauptstadt Sachsens“ verlor. Ernst wählte Wittenberg als neue Residenzstadt, Albrecht Meißen und Dresden. Deshalb der Name Albrechtsburg für das immerhin erste Schloss im deutschsprachigen Raum, welches ab 1471 erbaut wurde. Albrechts Nachfolger Herzog Georg verlegte 1500 seine Hofhaltung gänzlich nach Dresden, was zur Baueinstellung in Meißen führte. Erst 1520 bis 1525 wurde die Albrechtsburg fertig, aber sie erfüllte nie die Funktion, für die sie gedacht war. Moderator Wie ging es nun weiter mit der „Wiege Sachsens“? Historiker
Nach der Reformation ab 1517 erlebte die Stadt einen Aufschwung in jeder Hinsicht. Moderator Genau, auf dem Burgberg stehen die Gebäude der Landesschule. Wer darf denn die Schule heute überhaupt besuchen, was muss er können, was tun, worauf wird Wert gelegt? Dozentin Um das gleich am Anfang zu nennen, es gibt keinen öffentlichen Numerus Clausus. Die Frage „Wer darf …?“ kann man am besten mit dem Aufnahmeverfahren klären: Der jeweilige Schüler schreibt seine Bewerbung und heftet an diese unter anderem sein persönliches Ziel und das Zeugnis des letzten Jahres an. An der Art der Bewerbung kann die Schulleitung dann zum ersten Mal einschätzen, ob der Schüler überhaupt in der Lage ist, sich im Internat zu integrieren und schulisch nicht auf der Strecke zu bleiben. Dann kommen die Probewochen: Man nimmt ganz normal am Tagesablauf teil und die Mentoren, also die zuständigen Lehrer für Internat und Schule, sowie die Fachlehrer können den Schüler beobachten und einschätzen. Der Intelligenztest, den man durchführt, ist dabei nur ein Teil der Gesamteinschätzung. Sollte jemand einen Spitzen-IQ, aber so gut wie keine sozialen Kompetenzen besitzen, wird man die Aufnahme genau überdenken. Im Allgemeinen achtet man also auf die zwei großen Bereiche: Wie kommt der Bewerber in der Schule zurecht, und wie integriert er sich im Internat? Moderator Wie müssen wir uns denn den Tages- und Wochenablauf vorstellen? Dozentin
Der Tag ist prinzipiell in fünf Schulblöcke unterteilt. Dabei sind keineswegs immer alle belegt, aber neben dem „normalen“ Unterricht gibt es für die Schüler die Möglichkeit, ihren Interessen in den Addita, Unterricht nach Wahl, nachzugehen. Moderator Herr Hohmann, können Sie uns etwas über den Unterrichtsablauf zu Gellerts Zeiten sagen? Historiker Nach der Schulreform von 1724 war der gesamte wöchentliche Lehrplan mit 32 Schulstunden gefüllt. Der Unterricht konzentrierte sich neben religiöser Unterweisung hauptsächlich auf das Studium der lateinischen und griechischen Autoren, so dass die Schüler eine gute Basis für eine humanistische Bildung erhielten. Erst die 1773 erlassene Schulordnung für das albertinische Sachsen führte dazu, dass die vorher außerunterrichtliche Beschäftigung mit deutscher Literatur nun als Deutschunterricht Einzug in den Lehrplan der Fürstenschule hielt. Also Deutsch hatte Gellert als Unterrichtsfach nie. Moderator Damals wären Mädchen nicht zugelassen worden, wie ist denn das Verhältnis an der Schule zwischen Mädchen und Jungen heute? Dozentin Nahezu perfekt 50 zu 50. Da man mit den Internatsplätzen gut regulieren kann, bringen nur freie Plätze oder Austauschschüler das Verhältnis zum Wanken ... Moderator Gellerts Bruder, Christlieb Ehregott, hat damals die härteste Strafe getroffen, die einem passieren kann: Er ist der Schule verwiesen worden, weshalb? Dozentin
Ich schätze mal, das weiß Herr Hohmann. Heutzutage gibt es ein Verfahren, dass diesen letzten Schritt vermeiden soll: das Leitungsgremium, in dem sich die betreffenden Schüler für ihre Übertretungen der Regeln verantworten müssen und man gemeinsam nach Lösungen sucht, Ähnliches in Zukunft zu vermeiden. Moderator Ja, da stimme ich Ihnen voll und ganz zu. Aber zurück zu den Gellertbrüdern. Also, Herr Hohmann, spannen Sie uns nicht auf die Folter! Weswegen wurde Christlieb Ehregott der Schule verwiesen? Historiker
Christian Fürchtegott zog sich 1731 eine Karzer-Strafe zu, denn er hatte eine neue Anordnung bezüglich des Weinauschanks am Tische missachtet. Weil er aber gerade eine schwere Krankheit überwunden hatte und durch einen Karzeraufenthalt einen Rückfall erleiden würde, wollte sich Christlieb Ehregott für seinen jüngeren Bruder einsetzen. Dabei kam es zwischen ihm und dem Mathematikprofessor zu Handgreiflichkeiten, bei denen Christlieb Ehregott nach einer Ohrfeige vom Professor die Beherrschung verlor und, wie es in den Akten heißt: den Professor „mit der Faust in die Augen, auch vor die Stirn geschlagen, wovon er nicht nur eine ziemliche Röthe im Auge, sondern auch Schwulst am Backen empfunden“. Moderator Gibt es deshalb heute auch Gellertwein aus der Region? Historiker Nein, das ist eine andere Geschichte. Dozentin Man durfte damals Wein trinken, heute ist Alkohol strengstens verboten. Aber Afra hat auch einen eigenen Weinberg. Moderator Was bedeutete das damals, aus der Schule, ich sag mal salopp: rauszufliegen? Historiker Im Grunde das Ende der noch nicht mal begonnenen Karriere, es wurden nämlich alle Universitäten davon informiert und die durften unehrenhaft Entlassene nicht aufnehmen. Aber irgendwie muss es der Vater, er war ja Pfarrer in Hainichen, geschafft haben, dass Christlieb Ehregott doch in Leipzig mit einem Studium beginnen durfte. Möglicherweise hat er Unterstützung der Familie von Schönberg gehabt, die recht einflussreich bei Hofe war und bei der er als Hofmeister angefangen hatte, bevor diese Gellert nach Hainichen schickte, um dort zuerst Diakon, dann eben Pfarrer zu werden. Moderator Wieso konnten die Schönbergs Gellert nach Hainichen schicken? Historiker Sie waren die Patronatsherren und hatten damit das Recht, den Pfarrer einzusetzen. Moderator Stimmt, ich erinnere mich. Es gibt zwei Begriffe, mit denen man sofort Meißen assoziiert, wenn man sie hört. Zum einen die Albrechtsburg, von der wir bereits sprachen, zum anderen das Porzellan. Ich meine, wer kennt sie nicht, die zwei blauen Schwerter? Historiker Da gebe ich Ihnen Recht. Das Porzellan gehört zu Meißen wie die Frauenkirche zu Dresden. Gegründet wurde die erste europäische Porzellanmanufaktur im Jahre 1710 von – na klar – August dem Starken, wem sonst? Seitdem forschte Johann Friedrich Böttger auf der Albrechtsburg an der Zusammensetzung des Porzellans, dessen Rezeptur Ehrenfried von Tschirnhaus bereits 1708 in Dresden entwickelte. Sachsen hatte nun ein Aushängeschild mehr – und natürlich auch eine Einnahmequelle. Zwischen 1863 und 1865 zog man dann in einen Neubau um, da die Räumlichkeiten auf der Burg nicht mehr ausreichten. Moderator Meinen Sie, dass die Alumni, also die Schüler der Fürstenschule, damals etwas davon mitbekommen haben, was da Geheimnisvolles in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft passierte? Ich meine, es wurde in der Albrechtsburg Porzellan hergestellt – das weiße Gold, alles unter höchster Verschwiegenheit. Dozentin Das wissen wir nicht, aber neugierig ist man als Jugendlicher ja von Haus aus. Moderator Porzellan lässt sich auch als Klangmaterial einsetzen. Herr Geisler, was können Sie uns darüber erzählen? Musikwissenschaftler Es gibt eine Reihe von Porzellanglockenspielen: Denken Sie nur an die Mädlerpassage in Leipzig oder den Zwinger in Dresden. Sogar Hainichen besaß eines, es musste aber im Jahr 1995 abgebaut werden. Die Technik und auch die Glocken sind so defekt, das müsste schon eine komplette Neuanfertigung werden. Der Vorbau am denkmalgeschützten Parkschlösschen mit solchen Glasbausteinen, wissen Sie, wie bei Turnhallen, war eher unpassend und in den 1970er Jahren aus Kostengründen eine Notlösung. Die Teile, vor allem die schön gestalteten Glocken – auch wenn man sie eigentlich kaum gesehen hat – werden im Museum noch verwahrt. Musikwissenschaftler Und solche Porzellanglocken, wie wir sie gerade hörten, haben einen ganz besonderen Klang – sie klingen trockener und gläserner als herkömmliche Glocken aus Metall. Moderator Ist es sehr schwierig, solche Glocken herzustellen? Musikwissenschaftler Auf jeden Fall. Ein Glockengießer muss sehr viele Herausforderungen meistern. Schließlich ist die Glocke ein Musikinstrument, das genau den richtigen Ton haben muss, damit es im Zusammenspiel mit weiteren Glocken nicht schief klingt. Eine weitere Schwierigkeit ist es, einen möglichst anhaltenden und gleichmäßigen Nachhall – also ein schönes Abklingen der Glocke – zu erzeugen. Moderator Warum das? Musikwissenschaftler Das ist so wichtig, weil der Nachhall genau die Pause von einem Klöppelschlag zum nächsten überbrücken und ausfüllen muss. Moderator Das Porzellanglockenspiel an der Meißener Frauenkirche beherrscht das auf jeden Fall perfekt. Musikwissenschaftler Ja, es tut seinen Dienst schon seit dem Jahr 1929. Da baute man es anlässlich des 1000-jährigen Jubiläums der Stadt in den Turm ein. Im Jahr 2004 wurde es umfangreich saniert. Heute gibt es in Meißen übrigens immer noch ein Handwerksunternehmen, welches neben Turmuhren auch Porzellanglockenspiele herstellt – der Turmuhrenbau Ferner. Moderator Hm, nun gut. Gellert ist ja später selbst mehrfach in Porzellan dargestellt worden. Für den berühmten Modelleur Kändler war das Gellertmedaillon für ein Zimmerdenkmal die allerletzte Arbeit. Historiker
Ja, alle Exemplare der Manufaktur kann man in den dortigen Ausstellungsräumen sehen. Leider sind die Gussformen nicht mehr verwendbar und man weiß auch nicht, wie viele Exemplare der jeweiligen Objekte gefertigt worden sind. Man findet sie hier und da in fürstlichen oder königlichen Sammlungen – denn billig waren sie nicht ... Moderator Meine Damen und Herren, Sie sehen, Gellert und Meißen haben eine unmittelbare Verbindung, dort erhielt er seine Ausbildung, dort hat man ihm zur Erinnerung Denkmale hergestellt. Ich danke … Historiker Darf ich noch was zum Wein sagen? Um ehrlich zu sein, ich habe auch welchen mitgebracht … Moderator Oh! Historiker Sehen Sie, in Niederau, nahe Meißen, gibt es den so genannten Gellertberg – angeblich soll Gellert dort oft gewesen sein und gedichtet haben. Aber wir wissen ja, dass er im Freien nicht „gearbeitet“ hat, sondern seine Spaziergänge der Erholung widmete, außerdem ist bisher lediglich ein Besuch von ihm dort nachweisbar, und zwar 1769. Er war Ostern beim Grafen von Miltitz in Oberau zu Gast – übrigens nicht ohne vorher anzufragen, ob es nicht die Tiere gäbe, vor denen er sich natürlicher Weise so sehr fürchtete – na Frau Thümer? Dozentin Hab ich gelesen – Mäuse! Er hat mal eine ganze Nacht auf einem Stuhl gesessen, den er auf einen Tisch gestellt hatte, weil eine Maus im Zimmer war … Musikwissenschaftler Da hätte er heute wohl eine Schreiblockade? Historiker Wie? Musikwissenschaftler Na wegen der Computermäuse … Historiker
Hmmm, na also, was ich sagen wollte … Jedenfalls war das auch die Reise, bei der er auch das letzte Mal seine Geburtsstadt Hainichen besuchte. Der Gipshügel ist ein Stück des Parks nahe des Rittergutes Oberau. Seit 1935 heißt der ehemalige Weinberg des Rittergutes Gellertberg. Moderator Eine wirklich gute Idee, Herr Hohmann. Kann uns die Regie bitte Gläser bringen? Danke schön. Meine Damen und Herren, wir stoßen auf Ihr Wohl an und verabschieden uns!
Texte: Tobias Bergelt, Johannes Fänder, Samuel Geisler, Martin Hohmann Redaktion: Sophie Kiecke Fotos: Franz-Peter Hessel, Mary-Luisa Horn, Manuel Kreisig Fotodarsteller: Tobias Bergelt (Moderator), Saskia Thümer (Dozentin), Samuel Geisler (Musikwissenschaftler), Martin Hohmann (Historiker) Gestaltung, Programmierung: Manuel Kreisig Konzept, Betreuung: Angelika Fischer Lektor: Katja Herklotz Gutachter: Yves Hoffmann |
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